«Streichung der Löhne ist befremdlich»

Von Laurien Gschwend
Im Herbst 2016 hat die Valida einen Neubau für zehn Millionen Franken an der Zwyssigstrasse in St.Gallen in Betrieb genommen.
Im Herbst 2016 hat die Valida einen Neubau für zehn Millionen Franken an der Zwyssigstrasse in St.Gallen in Betrieb genommen. © TAGBLATT/Urs Bucher
Aufgrund von Sparmassnahmen des Kantons hat die St.Galler Sozialeinrichtung Valida die Löhne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Atelier gestrichen. Die Betroffenen sind unzufrieden mit der Situation.

Menschen mit Beeinträchtigung, die im Atelier der Valida arbeiten, stellen im Rahmen ihrer Fähigkeiten Produkte her, die anschliessend an Kunden verkauft werden. «Der Betreuungsaufwand ist hoch und entsprechend teuer in der Umsetzung», erklärt Martin Mock, Ressortleiter Arbeit, Bildung und Integration bei der sozialen Institution. Aufgrund von Sparmassnahmen des Kantons St.Gallen habe man die Löhne im Beschäftigungsbereich per Januar 2016 gestrichen.

«Lohn ist Lohn»

Der Betrag werde zwar über Ergänzungsleistungen, welche die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Valida erhalten, ausgeglichen, sagt Martin Mock. Für viele sei trotzdem matchentscheidend, was am Ende des Monats auf der Abrechnung stehe. «Lohn ist Lohn. Wenn ich weniger bekomme, tut das weh.» Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass ohne Lohn ein Teil der Wertschätzung verloren gehe, so der Ressortleiter.

«In der Schweiz kaum vorstellbar, nichts zu verdienen»

Auf Anfrage sagen die Eltern eines Valida-Mitarbeiters, die lieber anonym bleiben möchten, für sie sei die Streichung der Löhne befremdlich. Ihrem Sohn sei der Batzen nach der getanen Arbeit wichtig. Als er von der Änderung erfahren habe, sei er entrüstet gewesen. «In der Schweiz ist es kaum vorstellbar, dass jemand für sein Geleistetes kein Geld bekommt», sagt sein Vater.

Die Familie sprach ihren Unmut innerhalb der Valida an und erhielt die Antwort, aufgrund der Einsparungen des Kantons sei die Massnahme unumgänglich gewesen. Auch an den zuständigen Regierungsrat richtete sie einen Brief. «Das taten wir in der Absicht, dass die oberste Instanz einmal erfährt, wie es ganz unten aussieht.» Nach dem Versprechen, das Ganze noch einmal genau anzuschauen, hat die betroffene Familie nichts mehr gehört.

Institutionen in der Umsetzung frei

Der Kanton St.Gallen schreibt der Valida nicht vor, wo effektiv gespart werden soll. «Eine direkte Regelung, die Behinderteneinrichtungen einschränkt, gibt es nicht», sagt Beat Ernst, Leiter der Abteilung Behinderung beim Amt für Soziales des Kantons St.Gallen. Im vergangenen Jahr habe der Kantonsrat entschieden, bei den Behinderteneinrichtungen sieben Millionen Franken zu sparen. «In der Umsetzung sind die Institutionen frei, sie müssen einfach dafür sorgen, dass es zu keinen Qualitätseinbussen kommt.»

Man empfehle den Einrichtungen grundsätzlich, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Aufrechterhaltung von Anerkennung und Motivation einen Lohn auszuzahlen. «Der Lohn ist eine Form der Wertschätzung, die wir sehr unterstützen», sagt Beat Ernst. Es gebe viele andere Möglichkeiten, Geld zu sparen, als dies zulasten der Betroffenen zu tun.

Organisationen mit viel Spielraum

Zahle eine Behinderteneinrichtung keine Löhne mehr, sei dies nicht strafbar. «Sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mit einer Änderung zufrieden, können sie sich innerhalb der Einrichtung bei der vorgesehenen Instanz melden. Wenn sich dort keine Lösung ergibt, kommen wir als Aufsichtsbehörde zum Zug», sagt Ernst. Man halte es für sinnvoll, den verschiedenen Organisationen so viel Spielraum wie möglich zu lassen, ergänzt der Leiter der Abteilung Behinderung.

Valida möchte altes System zurück

«Uns ist bewusst, dass der Betrag auf dem Lohnzettel nicht zu unterschätzen ist», sagt Martin Mock, auch wenn dieser zwischen 250 und 500 Franken monatlich nicht riesig sei. Die Valida habe grosses Interesse daran, zum alten System zurückzukehren und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wieder eine Entschädigung in Form von Lohn auszuzahlen. Man prüfe derzeit verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten, beispielsweise im Sponsoring-Bereich, um eine geeignete Lösung zu finden. Es sei noch zu früh, zu sagen, wann eine solche präsentiert werden könne.

«Wir wünschen uns, dass die Situation noch nicht in Stein gemeisselt ist», sagt der Vater des betroffenen Valida-Mitarbeiters. Gesamthaft sei sein Sohn in der Valida, die sich «Das soziale Unternehmen» nennt, nämlich sehr glücklich. «Sie machen es gut dort. Sie haben viel Fantasie, die Leute je nach Fähigkeit zu beschäftigen.»

Neben dem Atelier gibt es in der Valida auch eine Produktionsabteilung, welche Aufträge für Dritte erledigt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Geschäftszweigs erhalten nach wie vor einen Lohn.


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