Tessiner dürfen künftig länger einkaufen

Im Tessin bleiben die Geschäfte künftig unter der Woche eine halbe Stunde länger für die Kunden geöffnet. Ein Referendum sollte dies verhindern - es scheiterte allerdings am Sonntag an der Urne.
Im Tessin bleiben die Geschäfte künftig unter der Woche eine halbe Stunde länger für die Kunden geöffnet. Ein Referendum sollte dies verhindern - es scheiterte allerdings am Sonntag an der Urne. © KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI
Das Tessin hat am Sonntag einen kleinen Schritt hin zu liberaleren Ladenöffnungszeiten gemacht. Weil ein Referendum der Gewerkschaft Unia scheiterte, dürfen die Geschäfte wochentags neu bis 19 Uhr öffnen.

85’360 Stimmberechtigte stimmten für längere Ladenöffnungszeiten, 58’877 lehnten sie ab. Die Stimmbeteiligung lag bei 66,48 Prozent.

Die Tessiner Kantonsregierung, der Einzelhandel und Tourismusverbände hatten sich im Vorfeld für die verlängerten Ladenöffnungszeiten stark gemacht. Damit lagen sie auf einer Linie mit dem Tessiner Grossen Rat. Dieser hatte im März 2015 eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten beschlossen.

Da das Referendum der Unia am Sonntag an der Urne scheiterte, dürfen Tessiner Geschäfte von nun an unter der Woche bis um 19 Uhr statt wie bislang um 18.30 Uhr öffnen. Samstags sollen die Kassen bis 18.30 Uhr offen bleiben – bislang gehen an diesem Tag schon um 17 Uhr die Lichter aus. Ausserdem werden die Geschäfte bereits um 6 Uhr morgens öffnen dürfen.

Selbst mit der neuen Regelung handhabt das Tessin die Ladenöffnungszeiten im schweizweiten Vergleich immer noch relativ streng. Laut dem Waren- und Kaufhausverband Swiss Retail Foundation gibt es in acht Kantonen keinerlei Einschränkungen bei den Ladenöffnungszeiten, darunter in Zürich und im Aargau.

Die Verlängerung im Tessin sei eine “sinnvolle Anpassung” eines Gesetzes, das seit 1968 nicht mehr überarbeitet worden sei, sagte der Tessiner Staatsrat Christian Vitta (FDP) an einem Medienanlass in Bellinzona. Vittas Wirtschaftsdepartement wird sich nun mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden an einen Tisch setzen, um einen Gesamtarbeitsvertrag für die Detailhandelsbranche auszuarbeiten – mit diesem Zusatz war das am Sonntag in Kraft getretene Gesetz versehen.

Gegen die verlängerten Ladenöffnungszeiten wehrte sich die Gewerkschaft Unia. Sie sammelte deshalb 9594 Unterschriften, so dass ein Referendum zustande kam. Mit der Verlängerung der Öffnungszeiten können laut Unia gerade Angestellte im Detailhandel Beruf und Familie noch schwieriger miteinander vereinbaren. Den Einkaufstourismus nach Italien werden laut der Gewerkschaft auch verlängerte Ladenöffnungszeiten nicht verhindern. In Grenzkantonen mit liberalen Ladenöffnungszeiten wie Basel und Zürich würden die Menschen trotzdem im Ausland einkaufen.

Die lokalen Tourismusverbände sehen in den verlängerten Ladenöffnungszeiten dagegen ein entscheidendes “Verkaufsargument” für den Tessiner Standort. Flexiblere Ladenöffnungszeiten können laut Ticino Turismo dazu beitragen, dass zukünftig noch mehr zahlungskräftige Kundschaft ins Tessin komme – schon jetzt stünde das Einkaufscenter “Fox Town” in Mendrisio oder die Via Nassa in Lugano auf der Agenda vieler internationaler Reisender in der Schweiz, so Ticino Turismo.

Begrüsst werden die verlängerten Ladenöffnungszeiten auch vom Tessiner Verband der Detailhändler DISTI. Das neue Gesetz bringe endlich Ordnung in die heute “chaotische Situation” im Detailhandel, sagte DISTI-Präsident Enzo Lucibello.

Bereits im Jahr 1999 wurde im Tessin über verlängerte Ladenöffnungszeiten abgestimmt – damals scheiterte der Liberalisierungsversuch. Das Thema blieb im Südkanton allerdings weiter aktuell – Eine Sonderregelung für die Feiertagsöffnung musste die Tessiner Regierung 2006 nach einem Bundesgerichtsurteil zähneknirschend wieder zurücknehmen. In Bern setzten sich die Tessiner Vertreter erfolgreich für eine Lockerung des Sonntagsarbeitsverbots ein. Das Tessiner Einkaufszentrum Foxtown in Mendrisio profitierte zuerst von der Anpassung.

(SDA)


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 1000 Zeichen