Trickbetrug: Je auffälliger, desto weniger fällt’s auf

Ein Unbekannter hat sich am Donnerstagnachmittag Zugang zu einem Einfamilienhaus in St.Gallen verschafft. (Symbolbild)
Ein Unbekannter hat sich am Donnerstagnachmittag Zugang zu einem Einfamilienhaus in St.Gallen verschafft. (Symbolbild) © iStock
Bei einem Ehepaar aus St.Gallen wurde am Donnerstag am helllichten Tag eingebrochen. Ein Unbekannter hatte sich als Handwerker verkleidet, damit die Nachbarn keinen Verdacht schöpfen. Bei der St.Galler Kantonspolizei kennt man das Vorgehen.

«Bei uns sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen», sagt Anita Bucher*. Als sie und ihr Ehemann am Donnerstagnachmittag beide abwesend waren, wurde in ihr Haus eingebrochen. Weggekommen sind Schmuck und Geld. «Der Einbrecher hat gezielt danach gesucht und alles durcheinander gebracht.» Dabei sei der Unbekannte blitzschnell vorgegangen. «Der Einbruch muss zwischen 14.30 und 15.00 Uhr verübt worden sein.» Als sie vom Kaffeetrinken heimgekehrt sei, sei sie erstaunt darüber gewesen, dass die Haustüre offen stehe. «Mein Mann war von seinem Ausflug zurück. Polizisten nahmen gerade den Diebstahl auf.»

Spuren mit Liqueur verwischt

Anita Bucher ist froh, dass beim Einbruch nichts kaputtgegangen ist. «Es handelt sich nicht um einen Vandalenakt.» Wichtige Dokumente wie Arztunterlagen habe sie im Chaos glücklicherweise wiedergefunden. Der unbekannte Einbrecher habe Handschuhe getragen und seine Spuren mit Liqueur verwischt.

Auch Alfons Bucher*, der Ehemann, ist von der Dreistigkeit des Täters überrascht: «Der Täter kam von hinten durch den Wintergarten und durchwühlte seelenruhig unseren ganzen Wohnbereich. Dann spazierte er einfach zur Haustüre raus mit unseren Wertsachen.»

Nachbarin beobachtete Bauarbeiter

Eine Nachbarin des Ehepaars konnte am Donnerstagnachmittag beobachten, wie ein Bauarbeiter das Haus verliess – und schöpfte deshalb keinen Verdacht auf Diebstahl. «Genau das ist die Masche solcher Trickbetrüger. Je auffälliger sie sich verhalten, desto unauffälliger sind sie», erklärt Gian Andrea Rezzoli, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen. «Sie möchten, dass die Leute denken, sie seien tatsächlich bei der Arbeit, was den Zutritt zu einem bestimmten Gelände rechtfertigt.»

Betrüger nehmen falsche Rollen ein

Bei der St.Galler Kantonspolizei behandle man immer wieder solche Sachverhalte, die unter Trickdiebstahl fallen. «Vor allem im Umgang mit älteren Menschen geben sich die Betrüger gerne als Handwerker oder Mitarbeiter eines Amts aus, um sich so Zugang zu einer Wohnung zu verschaffen.» Ab und zu komme es auch vor, dass ein Dieb an der Haustür um ein Glas Wasser bitte, weil ihm unwohl sei. «Werden solche Betrüger dann von den Bewohnern reingelassen, stehlen sie bei der Gelegenheit etwas», sagt Rezzoli. «Wir raten grundsätzlich dazu, in Zweifelsfällen die Polizei zu rufen.»

Das Ehepaar Bucher konnte die Polizei erst nach dem verübten Einbruch kontaktieren. Für die St.Galler war der Einbruch zwar ein Schock, doch wollen sie nicht in Angst verfallen: «Wir leben seit 50 Jahren hier und das war das erste Mal, dass jemand eingebrochen ist. Statistisch gesehen können wir jetzt wieder 50 Jahre in Ruhe leben», sagt Alfons Bucher.

*Namen geändert

(lag/rar)


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