Drahtesel des Grauens

Von Dario Cantieni
Näher am Töffli als am Velo.
Näher am Töffli als am Velo. © KEYSTONE/Walter Bieri
Die Welt geht vor die Hunde. Die Menschheit rast auf den Abgrund zu. Und sitzt dabei auf einem Elektrovelo. Exgüse: E-Bikes sagt man den Dingern ja.

Tönt irgendwie besser als Velo mit Motor, oder? Ist aber eigentlich genau das. Ein Velo mit Motor, meine Damen und Herren. Wieso zum Teufel hat ein Velo einen Motor? Das widerspricht doch auf ganzer Linie dem Prinzip des Velos. Nämlich mit Muskelkraft und Durchhaltewillen sein Ziel erreichen. Und nicht mit zwei, drei müden Tretbewegungen im Stande sein, den Gotthardpass zu erklimmen. Es ist eine Beleidigung für jeden Kämpfer, ein Affront gegenüber schweissnassen Antlitzen, ein Stich ins Sportlerherz.

Trainieren? Töffli kaufen?

Liebe E-Biker (sagt man dem so? Ich wär’ ja für Motor-Memmen), wenn ihr schon schnell auf zwei Rädern unterwegs sein wollt, dann kauft euch doch gleich ein Töffli. Oder fetzt mit dem Trottinett einen steilen Berg hinunter. Ihr belügt euch selber, wenn ihr denkt, das halbbatzige Treten würde euch zu stählernen Wädli und gesellschaftlichem Ansehen verhelfen. Beides erreicht man nur durch Training. Nicht nur, dass ihr in der Welt der richtigen Velofahrer auf Unverständnis stösst, ihr verhöhnt die einzig wahren Ritter des Drahtesels auch noch.

Rasende Raketen-Rowdys

Auch bergaufwärts zieht ihr mit gefühlten 194 km/h an jedem hart arbeitenden «Gümmeler» vorbei. Könnte man dabei euer Gesicht sehen, man würde in eine Mischung aus Überheblichkeit, Tiefenentspannung und einer Prise Grössenwahn blicken. Da ziert kein Schweisstropfen, keine Furche der Anstrengung das Gesicht. Während der gemeine Velofahrer aufpassen muss, dass sich die herunterhängende Zunge nicht in der Kette verfängt, seid ihr noch im Stande, ein fröhliches «Grüezi» zu flöten. Ihr grausamen Menschen! Und das Schlimmste: Ihr werdet immer mehr…

Wer fährt so was? Leider fast alle

Es ist passiert. Das E-Bike ist von der Gesellschaft akzeptiert worden. Waren früher nur leicht ergraute Frauen mit dem Namen Rösli, Käthi oder Ruth damit unterwegs, hat unterdessen fast jeder so ein Teufelsgerät bei sich rumstehen. «Es bringt mich überall hin und ich mach was für meine Fitness», tönt es immer wieder von euch elektrisch angefressenen Phlegmatikern. Aber jetzt mal ehrlich: Wenn ihr am Abend in den Spiegel schaut, dann seht ihr da vielleicht kein hochrotes, schweissnasses Gesicht. Aber ihr seht auch keinen Menschen, der auf seine Leistung stolz sein kann. Im Gegensatz zu all jenen, die zwar etwas später vor dem Spiegel ankommen, es aber mit Muskelkraft dahin geschafft haben.

Hier gibt es die Lobrede auf das E-Bike.


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