Zinnbauer verlängert “Leidenszeit” der FCSG-Fans

Von Marco Latzer
Zinnbauer verlängert “Leidenszeit” der FCSG-Fans
© Der Coach kann durchatmen: St.Gallen und Zinnbauer besiegen Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Drei Punkte gegen Thun. Drei Punkte für Trainer Joe Zinnbauer. Durchatmen im Kellerkampf. Und trotzdem: Von Friede, Freude oder gar Eierkuchen kann im grün-weissen Lager keine Rede sein. Das Tuch zwischen Trainer und Anhang scheint zerrissen. Eine Einschätzung.

93 Minuten sind in der schwach besuchten Thuner Arena gespielt, als Schiedsrichter Sandro Schärer seine Trillerpfeife zückt und die Partie beendet. 2:1 für St.Gallen steht auf der Anzeigetafel. Der angeschossene FCSG-Coach Joe Zinnbauer ballt seine Fäuste, knuddelt seinen Staff, um dann erst einmal tief durchzuatmen. Er hat allen Grund dazu: Kein grün-weisser Trainer im 21. Jahrhundert musste bislang so viel Kritik einstecken wie er. Nicht einmal ebenso mässig “erfolgreiche” Gesellen wie Castella oder Balakov standen derart unter Dauerbeschuss wie der Deutsche in den letzten Wochen.

Vom Präsidenten geduldet

Das hat einen simplen Grund: Noch nie zeigte sich eine St.Galler Club-Führung derart geduldig, wenn es um eine Trainer-Entlassung ging. Präsident Dölf Früh machte schon vor dem Spiel klar, dass am Trainerstuhl auch bei einer allfälligen Niederlage gegen Thun nicht gerüttelt würde – sehr zum Ärger vieler Fans, die in Zinnbauer einen Hauptschuldigen für die Misère sehen. Und den Vereinsverantwortlichen vorwerfen, den Club vor Jahren zwar finanziell gesundet zu haben, ihn jetzt aber sportlich zu Grunde zu richten.

Hauptargument: Ein Jahr ist Joe Zinnbauer im Amt, hatte zwei Transferperioden zur Verfügung, um “seine” Mannschaft zusammenzustellen und trotzdem hat er kaum Erfolge vorzuweisen. Diverse Fans dürften sich aufgrund des schwachen Jahres 2016 von ihrem Herzensverein distanziert haben. Ärgern sich über das konzeptlose Gekicke, die nicht sichtbare Spielphilosophie, Fehltransfers und einen Coach, der nach schwachen Spielen gute Ansätze herbeiredet. Der Autor dieses Artikels könnte ein Dutzend Fans in seinem Umfeld benennen, die keine Spiele mehr besuchen wollen, solange der Mann an der Seitenlinie den Namen Zinnbauer trägt. Es ist ihre Form des stillen Protests. Ein Boykott, den in erster Linie Präsident Früh in der Club-Kasse spüren soll.

“Zinnbauer-Effekt” beim Publikum

Ein Blick auf die Zuschauerstatistik zeigt: Gegenüber der Vorsaison ist der Publikumsandrang an Heimspielen um über 1’000 Zuschauer pro Spiel zurückgegangen. Fairerweise muss man anfügen, dass der vermeintliche Zuschauermagnet Basel erst am Wochenende im Kybunpark gastiert. Die Zahl dürfte dennoch mehr oder weniger repräsentativ sein; denn “attraktive” Teams wie YB, Luzern und GC waren schon zu Gast. Und Clubs wie Lausanne, Vaduz oder Thun werden den Schnitt kaum in neue Sphären katapultieren.

Andere Supporter wundern sich darüber, wie emotionslos und gefasst sie Niederlagen unterdessen zur Kenntnis nehmen. Dass sich wegen dem gebotenen Fussball ihre Leidenschaft, in der chronischen Erfolgslosigkeit der vergangenen Monate, verflüchtigt hat. Manche beschreiben das aktuelle Fussballjahr als das schlimmste ihres gesamten Fanlebens. Es sei noch übler als die letzten zwei oder drei Abstiegssaisons. Zinnbauer muss daher auch als Sündenbock für emotionale Leiden in der treuen Fankurve hinhalten; wobei er sich diese Rolle mit Sportchef Stübi und Präsident Früh teilt. In einer Umfrage auf FM1Today forderten jüngst 80 Prozent aller 722 Teilnehmenden den Rücktritt des Trainers.

Thun war ein kleiner Schritt

Von der grossen Entspannung kann daher auch nach dem wichtigen 2:1-Sieg gegen den FC Thun keine Rede sein. Joe Zinnbauer gelang es seit Amtsantritt noch nie, zwei Meisterschaftsspiele in Folge zu gewinnen. Und seine Mannschaft enttäuschte letztmals nach einem tollen Spiel gegen Luzern sämtliche Anhänger mit neuerlichen miesen Leistungen. Um das Umfeld ernsthaft von einem Turnaround zum Guten zu überzeugen, müssten höhere Hürden genommen werden. Nicht einmal die hartgesottensten Fussballfetischisten fühlen sich zu einer Mannschaft hingezogen, die gefühlt nur alle zehn Spiele einmal ihr Potenzial abrufen kann.

Einen Image-Wandel zum Guten zu vollziehen, wird die Herkules-Aufgabe Joe Zinnbauers in St.Gallen. Thun war ein resultatmässiger Schritt in die richtige Richtung. Damit ein solches Unterfangen aber tatsächlich gelingt, braucht es mehr. Mehr Punkte, Siege, Tore, eine sichtbare Spielphilosophie und Aufstellungen, die von aussen nachvollziehbar sind. Bislang fungierte der Coach vornehmlich als Dauer-Rotierer, der sich nicht auf eine Stammelf festlegen kann. Und – ganz wichtig – er müsste durch Leistung über eine längere Zeit die Fans wieder von sich zu überzeugen wissen. Es ist eine schwierige Mission.

Gelingt all dies nicht, ist Zinnbauer in St.Gallen am falschen Ort. Und hat mit dem Sieg gegen Thun bloss die Leidenszeit der St.Galler Fans um ein paar weitere Wochen verlängert.


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