Alle wollen in der Ostschweiz arbeiten

Alle wollen in der Ostschweiz arbeiten
© Tagblatt/Benjamin Manser
Fast 30’000 Menschen pendeln jeden Tag aus dem Ausland in die Ostschweiz, um zu arbeiten, so eine neue Studie. Das hat Folgen: Nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern auch für die Löhne und den Verkehr.

Wer an einem Ort nahe der Landesgrenze wohnt, kennt die Situation: Beim Einkaufen wird man nicht auf Schweizerdeutsch, sondern in Hochdeutsch bedient. 20’400 Grenzgänger aus Deutschland arbeiten in der Ostschweiz, aus Österreich kommen 7600 Personen und dazu noch 1500 Arbeiter aus dem Fürstentum Liechtenstein. Das sagt eine neue Studie der Fachstelle für Statistik des Kantons St.Gallen, die den Austausch von Arbeitskräften in der Bodenseeregion untersucht und dafür auch Gründe nennt.

Verantwortlich für die hohen Zahlen ist gemäss der Studie der grosse Lohnunterschied, welcher in der Bodenseeregion herrscht. Doch es gibt noch andere Gründe. «Die Schweiz ist so populär, weil wir einen Fachkräftemangel haben», sagt Marc Widler, Geschäftsführer des Thurgauer Gewerbeverband. Das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort ist anstrengend. Dennoch nehmen es viele Leute auf sich. «Hohe Wohnungsmieten, knappes Wohnangebot und weitere Niederlassungshürden führen zur Arbeitspendlerei», heisst es in der Studie weiter.

«Zuerst im Inland suchen»

Die angefragten Parteien sind sich einig, dass der Thurgau Arbeitnehmer aus dem Ausland braucht. «Gewisse Branchen, wie zum Beispiel die Pflege, könnten ohne ausländische Fachkräfte nicht überleben», sagt die Thurgauer SP-Parteipräsidentin Nina Schläfli. Auch der Thurgauer SVP-Präsident Ruedi Zbinden sagt, dass es in einzelnen Branchen schwierig sei, Arbeitskräfte zu finden. «Die SVP erwartet aber, dass zuerst im Inland gesucht wird.»

Ruedi Zbinden (SVP/TG)

Ruedi Zbinden (SVP/TG) (Bild: Tagblatt/Reto Martin)

Die vielen Pendler wirken sich auch auf den Verkehr aus. «Zu Stosszeiten verursachen die Pendlerströme in allen Grenzregionen Staus, das stösst auf wenig Verständnis», sagt Zbinden. Marc Widler vom Thurgauer Gewerbeverband gibt aber zu bedenken: «Verkehrsprobleme kann es auf beiden Seiten geben.»

Nina Schläfli (SP/TG) (Bild: Tagblatt/Donato Caspari)

Im Ausland sind viele Produkte billiger. Darum könnten ausländische Arbeitnehmer auch für weniger Geld arbeiten. «Grundsätzlich sorgt der Gesamtarbeitsvertrag dafür, dass branchenübliche Löhne bezahlt werden», sagt Schläfi. Jedoch sei ihr auch schon zu Ohren gekommen, dass Lohndumping betrieben werde. «Ich glaube, dass man aber mehr Kontrollen durchführen könnte.» Für SVP-Mann Zbinden ist klar, dass die Grenzgänger eine Konkurrenz für die Schweizer Arbeiter sind. «Zu oft werden einheimische Personen, die über 50 Jahre alt sind, durch günstigere und jüngere Grenzgänger ersetzt. Dazu geraten die Löhne der unteren und mittleren Einkommen durch die unterschiedliche Kaufkraft unter Druck.»

Überlebenswichtig für Liechtenstein

Umgekehrt gibt es wenig Ostschweizer, die zum Arbeiten ins Ausland fahren. Während gerade mal 34 Personen ins Voralberg pendeln, sind es 557 auf die deutschen Bodenseeseite. Einen grösseren Brocken machen jene 11’729 Grenzgänger aus, die im Liechtenstein arbeiten. Sie sind für das kleine Land extrem wichtig. Bereits im 2010 stellten die Grenzgänger aus der Schweiz, Österreich und Deutschland mit 50.9 Prozent mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl nun auf 54.4 Prozent gestiegen.

Im Vergleich zu anderen Regionen hat die Ostschweiz weniger Grenzgänger: Ins Tessin fahren jeden Tag 63’000 italienische Grenzgänger zur Arbeit, wie die NZZ schreibt. Diese machen mehr als einen Viertel aller Arbeiter aus.

 


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