Bei der binären Uhr alles richtig gemacht

Von René Rödiger
Die neue Bahnhofsuhr zeigt die Zeit binär an. Nicht alle sind erfreut.
Die neue Bahnhofsuhr zeigt die Zeit binär an. Nicht alle sind erfreut. © FM1Today
Der St.Galler Bahnhof hat neu eine binäre Uhr. Die Aufregung darüber ist fehl am Platz, die Uhr hat ihren Zweck bereits erfüllt, das Geld wurde gut investiert. Ein Kommentar.

«Ein Witz», «doof», «Geld aus dem Fenster geworfen». Dies nur einige der negativen Reaktionen auf die neue binäre Uhr am Bahnhof St.Gallen. Dabei ist doch genau das der Sinn von Kunst am Bau: Sie soll zu Reaktionen anregen. Zum Nachdenken. Wie oft beschränkt sich solche Kunst am Bau nur auf einige Farbtupfer an der Fassade und wird dann nicht mal wahrgenommen? Dann doch lieber ein Werk, das Aufmerksamkeit erregt. Schliesslich gelingt das St.Gallen selten genug – die Langeweile, das Vorhersehbare, das Planbare dominieren die Stadt.

Eine binäre Uhr zu lesen, ist wirklich nicht ganz einfach. Es ist auch eher unwahrscheinlich, dass wir uns in naher Zukunft so sehr daran gewöhnen werden, dass wir mit nur einem Blick gleich die Zeit erkennen.

Das ist auch nicht nötig. Für alle Pendler, Touristen und Wartende gibt es noch immer bei den Abfahrtstafeln vor der Unterführung am Bahnhof eine analoge Uhr. Fast so, wie es früher einmal war. Und wer damit noch immer nicht zufrieden ist, soll sich einfach mal überlegen, wann er zuletzt auf eine Uhr geschaut hat. Ausserdem haben wir alle sowieso immer eine Uhr dabei, auf unserem Handy. Voilà!

Einzig über die Kosten für die Kunstinstallation könnte man diskutieren. 324’000 Franken kostete das ganze Projekt – was schon 2012 offen kommuniziert wurde. Was natürlich nicht heisst, dass der Künstler all dieses Geld bekommen hat. In diesem Budget enthalten sind auch die Ausschreibungs-, Material- und Installationskosten, die Eröffnungsfeier und mehr. Die 324’000 Franken sind ja auch nicht einfach verschwunden. Das Geld wurde investiert. Einen ersten Ertrag davon haben wir bereits bekommen: Viel Gesprächsstoff in der Bevölkerung und Zeitungsartikel – und damit Werbung – in der ganzen Schweiz. Wir werden in Zukunft sogar noch mehr von dieser binären Uhr profitieren können.

Hätte man das Geld auch sinnvoller investieren können? Das hängt wohl davon ab, was wir als sinnvoll erachten. Ein Kunstprojekt, über das die Bevölkerung tagelang reden kann und das die Stadt endlich einmal wieder national ins Bewusstsein bringt, sollte doch in diese Kategorie gehören. Ausserdem wird in keinem anderen Bereich wegen dieser binären Uhr Geld fehlen. Wer also einen Vergleich im Stile von «das hätte man besser für mehr Aschenbecher oder Sitzbänke ausgegeben» macht, hat das Grundprinzip nicht verstanden: Dass es vielleicht zu wenig Sitzmöglichkeiten gibt, hat keine finanziellen Gründe. Das wäre ein Problem, das unabhängig von einer binären Uhr gelöst werden müsste.


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