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Fitnessbranche

«Es ist eine Katastrophe und geht ums Überleben»

Lara Abderhalden, 4. Februar 2021, 09:26 Uhr
Fitnesszentren müssen bis Ende Februar geschlossen bleiben, das hat grosse Auswirkungen auf die Liquidität der Betriebe. Der Januar und Februar gehören normalerweise zu den umsatzstärksten Monaten mit vielen Abo-Verkäufen – da diese wegfallen, droht eine Konkurswelle.
Fitness- und Gesundheitszentren haben es aktuell nicht leicht: Vielen fehlt es an Liquidität.
© GettyImages

Die Fitness- und Gesundheitscenter-Branche leidet. Mitte Dezember beschloss der Bundesrat, die Sportzentren bis Ende Februar zu schliessen – mit existenzbedrohenden Konsequenzen.

Claude Ammann, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter-Verbands, wie prekär ist die Situation in den Schweizer Fitnesszentren?

Es ist eine Katastrophe – wir haben die ersten Konkurse. Unsere welschen Kollegen haben seit noch längerer Zeit geschlossen und wir haben Lehrlinge, die ihre Lehrstelle verlieren, weil Betriebe zugehen. Es ist desolat. Ein Kampf ums Überleben.

Wie viele Konkurse gab es bereits?

Zahlen können wir noch keine liefern. Die kommen in den nächsten Wochen, wenn die Betriebe ihre Jahresabschlüsse fertig haben. Vom Hörensagen können aber viele Betriebe ihre Rechnungen nicht mehr zahlen. Ich schätze, dass in einem bis zwei Monaten die Konkurswelle kommt.

Für Betriebe, die auf staatliche Anordnung hin geschlossen werden mussten, sogenannte Härtefälle, gibt es Entschädigungen – helfen diese, die Folgen der Schliessungen abzufedern?

Bis jetzt ist noch kein Geld geflossen. Weder bei uns in der Deutschschweiz, ich betreibe selbst ein Fitnesszentrum, noch in der Westschweiz oder im Tessin. Das Problem ist, dass jetzt die Versicherungsrechnungen kommen und wir allgemein viele Fixkosten wie Geschäftsmieten bezahlen müssen. Diese Liegenschaftsmieten sind oft sehr hoch, weil wir für die Sportgeräte eine grosse Fläche brauchen. Viele Vermieter kommen den Zentren kaum oder gar nicht entgegen.

Claude Ammann ist Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter-Verbands SFGV.

© zVg

Sie würden sich ein Entgegenkommen wünschen.

Viele Betriebe, die bereits Coronakredite bezogen haben, mussten das Geld zu 70 Prozent für Geschäftsmieten ausgeben und haben sich dadurch verschuldet. Der Witz ist ja, dass viele Liegenschaften den Schweizer Banken gehören – und ich einen Kredit einer Bank beziehen muss, um ihnen dann die Geschäftsmiete zu bezahlen, statt dass Liegenschaftsbesitzer von einer Geschäftsmiete absehen oder den Mietern entgegenkommen. Es ist bitter, wenn man ein Geschäft aufgebaut hat und dann in die Verschuldung fällt. Man hat kein Geld zum Investieren, kein Geld für Ressourcen.

Denn das Geld kommt aktuell auch nicht rein?

Wir haben derzeit keine Möglichkeit, zusätzliche Liquidität zu bekommen. Wir haben die umsatzstärksten Monate verloren. Ein grosses Problem ist ausserdem, dass viele Abos auslaufen. Es gab vermehrt Menschen, die sich während des Lockdowns im März solidarisch zeigten und ihr Abonnement verlängerten, diese Abos laufen jetzt aus und werden aufgrund der unsicheren Situation nicht verlängert. Wir rechnen auch nicht damit, dass wir Anfang März gleich überrannt werden.

Glauben Sie, dass die Menschen durch die Schliessung der Fitnessbetriebe und Alternativen wie Online-Trainings oder Aktivitäten draussen, die Lust an Fitnesszentren verloren haben?

Nein, das glaube ich nicht. Die sportaffinen, jungen Leute haben wir eh schon lange an Youtube oder andere Online-Workout-Anbieter verloren. Über 50 Prozent unserer Kunden haben einen Altersdurchschnitt über 40 Jahre, arbeiten im Büro und wollen etwas für ihre Gesundheit machen – das zeigte eine Untersuchung einer externen Marketingfirma bei verschiedenen Brachenteilnehmern. Wir hoffen, dass diese Kundschaft auch nach dem Shutdown wieder kommt. Diese Leute wollen kommen, damit sie beispielsweise keine Rückenschmerzen mehr beim Arbeiten im Büro haben. Diese Kundengruppe schätzt eine persönliche Beratung und holt sich diese auch nicht über einen Youtube-Kanal ab.

Online-Kurse sind dennoch die einzige Möglichkeit für Fitnesszentren, ihre Kunden aktuell bei der Stange zu halten.

Ja und sie sind auch ein wichtiges Mittel. Wir machen diese, damit Abonnenten etwas geboten werden kann. Es werden aber vermutlich wenige aufgrund der Online-Kurse ihr Abonnement verlängern. Das verstehe ich auch.

Die Schliessung der Sportbetriebe wurde bis Ende Februar angelegt – wie schlimm wäre eine Verlängerung der Massnahmen?

Wir möchten am 1. März öffnen. Das ist für uns überlebenswichtig – sonst gibt es erst recht eine Konkurswelle.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 4. Februar 2021 06:46
aktualisiert: 4. Februar 2021 09:26