Das sind die wichtigsten Akteure

Mauricio Pocchettino oder Jürgen Klopp - wer darf den Henkelpott mit nach England nehmen?
Mauricio Pocchettino oder Jürgen Klopp - wer darf den Henkelpott mit nach England nehmen? © getty images
Eine atemberaubende Champions-League-Saison findet am Samstag in Madrid ihr grosses Finale. Mit Liverpool und Tottenham haben es zwei englische Mannschaften in die letzte Runde des wichtigsten Clubwettbewerbs geschafft. Wir stellen die wichtigsten Akteure vor. Achtung: Hier war ein Tottenham-Fan am Werk.

Mein Nachbar wacht manchmal immer noch schweissgebadet mitten in der Nacht auf, weil er von einem martialisch brüllenden Berserker träumt, der mit einem Hackebeil auf ihn losgeht. Das Gebrüll stammt von mir und war so laut, dass es sich tief in sein Unterbewusstsein eingebrannt haben dürfte. Entstanden ist es während des geilsten Fussballspiels, das ich je gesehen habe. Das Rückspiel des Champions-League Halbfinals, Ajax gegen Tottenham. Lucas Moura trifft in der 96. Minute zum 3-2. Drei Tore in der zweiten Halbzeit bedeuteten den ersten Einzug in ein Champions-League-Final. Und dort wartet ein alter Bekannter, the foe you know: Liverpool. Das Team von Jürgen Klopp geht als Favorit ins Spiel. Aber in der Champions League sind die Favoriten dieses Jahr reihenweise gefallen. Zeit, sich die beiden Vereine etwas genauer anzuschauen. Mit einem Augenzwinkern.

Wer bei Tottenham heraussticht:

Moussa Sissoko

«Wake me up, before you go-go, who needs Bale if you’ve got Sissoko?» Es ist der Aufstieg der Saison, den der bullige Franzose hingelegt hat. Von vielen (allen) als Fehleinkauf abgestempelt, hat sich Sissoko richtig ins Zeug gelegt und ist seit Monaten der erste Name auf dem Mannschaftsblatt. Moussa Sissoko ist ein menschgewordener Kleiderschrank, eine Abrissbirne mit Beinen. Körperlich muss er zu den besten Spielern überhaupt gehören: Er ist 1,87 Meter gross und 90 Kilogramm schwer, er ist schnell, er läuft unglaublich viel. Ein Topathlet. Wenn er auch noch richtig Fussball spielen oder mal ein Tor machen würde, könnte er den Ballon d’Or gewinnen. Dann wäre er aber auch nicht mehr bei Tottenham. Die Fans haben ihn nach dem harzigen Start auf jeden Fall richtig liebgewonnen.

Harry Kane

Der Mann mit dem lustigen Namen und der scheinbaren Dauer-Erkältung ist eine Tormaschine. Seine Leistungsdaten untermauern dies: In 252 Spielen für Tottenham hat er 164 mal getroffen, er hält den Rekord für die meisten Premier-League-Tore in einem Kalenderjahr und Alan Shearer selbst erwartet, dass Kane ihn dereinst als Allzeit-Topskorer der Liga ablösen wird. Umso unglaublicher, dass Kane in der Champions-League-Kampagne Tottenhams keine grosse Rolle gespielt hat. Im Hinspiel des Viertelfinals gegen Manchester City verletzte er sich – wieder mal – am Knöchel. Für den Final ist er jedoch wieder einsatzbereit und kann – ob von Anfang an oder von der Bank – ein grosser Faktor sein.

Lucas Moura

Der kleine Mann aus Brasilien hat zwar keine Haare mehr auf dem Kopf, dafür scheint er einen Hochleistungs-Verbrennungsmotor in seinem Hintern zu haben. Im Spiel gegen Ajax hat er seine unglaubliche Geschwindigkeit mehrmals bewiesen und mit seinen drei Toren die Überraschungsmannschaft aus Amsterdam nach Hause geschickt. Spätestens seit dieser Ausnahmeleistung hat sich Moura in die Herzen der Tottenham-Anhänger gespielt. Und: Lucas Moura glaubt. Er glaub an Gott, an den Sieg und an das Team, wie der demütige Flügelspieler immer wieder sagt.

Mauricio Pocchettino

Er weinte. Mauricio Pocchettino, der frühere Eisenfuss aus Argentinien, ein Innenverteidiger alter Schule, lag auf dem Rasen der Amsterdam Arena und weinte. So überwältigt war er von der emotionalen Achterbahnfahrt, die seinen Nordlondoner Club in den Final führte. Wenn man sich vor Augen führt, wie unwahrscheinlich die Quali für den Final ist, dann ist das zu verstehen. Durch den Bau des neuen Stadions hatte Tottenham kaum Geld für Transfers zur Verfügung. Der letzte Zuzug war Lucas Moura im Januar 2018. Danach vergingen zwei ganze Transferperioden ohne Neuzugang. Für einen modernen Verein, insbesondere in der superreichen Premier League ist das kaum denkbar. Das ohnehin schmale Kader Tottenhams wurde durch Verletzungen und Sperren weiter ausgedünnt, so dass man sich fragen muss: Wie hat «Poch» das nur angestellt? Nach einer so langen Saison mit so vielen Spielen nochmal alles aus seinen Spieler herauszuholen, verdient Respekt. Da darf man auch mal heulen.

Danny Rose

Der Aussenverteidiger ist alles andere als ein typischer Fussballprofi. Unvergessen bleibt ein Interview, wo er öffentlich die Transferpolitik seines Vereins kritisierte («Ich muss die Namen unserer Neuzugänge immer erst bei Google suchen») und indirekt verkündete, er verdiene zu wenig. Ob man nun die Meinung des Danny Rose teilt oder nicht: Er hat dafür Respekt verdient, dass er einfach sagt, was er denkt. Und nicht immer nur dieses «jetzt kommt erst mal das nächste Spiel»-Geschwurbel. Bekommen hat er keinen Respekt, sondern eine Schelte der Fans und seines Vereins. Einfach scheint es Danny Rose mit sich selbst ohnehin nicht zu haben. Er befand sich in Vergangenheit in psychotherapeutischer Behandlung und kündigte vor kurzem an, er könne es nicht erwarten, endlich pensioniert zu sein. Die jüngste Episode ereignete sich ebenfalls auf dem Amsterdamer Rasen. Nach dem unglaublichen Sieg war es Danny Rose, der sich auf dem Platz ein kühles Bierchen gönnte. Geiler Typ.

 

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Und hier die wichtigsten Liverpool-Akteure:

Virgil van Dijk

Der Niederländer mit Wurzeln aus Surinam ist wahrscheinlich neben einem Atomkraftwerk aufgewachsen. Es ist nicht anders zu erklären, wie er zu so einer überzüchteten Naturgewalt werden konnte. Virgil Van Dijk ist 1,93 gross und 92 Kilo schwer. Trotzdem bewegt er sich unglaublich elegant für einen Innenverteidiger und man hat immer den Eindruck, er könnte noch zwei Gänge hochschalten. Er ist mit einer Ablösesumme von 84,5 Millionen Euro der teuerste Abwehrspieler der Welt und gilt bei vielen Experten mittlerweile auch als Bester seiner Zunft. Van Dijk gewinnt fast jedes Kopfballduell und bringt die meisten seiner Pässe an den Mann, wurde verdient zum Spieler des Jahres der englischen Premier League gewählt. Und er hat auch noch ganz andere Qualitäten. Auf die Frage, gegen welchen Verteidiger er am wenigsten gerne Spiele, entgegnete der Watford-Stürmer Troy Deeney (selbst kein Leichtgewicht): «Virgil Van Dijk. Ich hasse ihn. Er zu gross, zu schnell, zu stark, zu gut am Ball. Und er riecht so gut.»

Andy Robertson

Der junge Schotte ist die Verkörperung des kloppschen Fussballs. Er rennt für zwei Mann und das in halsbrecherischer Geschwindigkeit (Höchstgeschwindigkeit: Rund 34 Stundenkilometer, das ist so schnell wie ein Töffli). Mit seinen 25 Jahren ist Andy Robertson bereits Captain der Schottischen Nationalmannschaft. Er gilt als konzentrierter Arbeiter und fleissiger Teamplayer. Keiner für die Titelseiten der Hochglanzmagazine, aber unglaublich wichtig für die Pressingmaschine von Liverpool. Darüber hinaus bietet er viel offensiven Schwung und sucht immer wieder den Weg in den gegnerischen Strafraum. Sei es mit Flanken oder eigenen Abschlüssen.

 

Allison Becker

Der Name klingt ein bisschen nach deutschem Problemviertel, seine tatsächliche Herkunft in Brasilien ebenfalls: Novo Hamburgo. Becker wurde erst mit seinem Transfer von der AS Roma zu Liverpool richtig berühmt. Für etwa eine Woche war er der teuerste Torhüter der Welt (62,5 Millionen Euro), danach wurde er von Kepa Arrizabalaga abgelöst. Im Gegensatz zum jungen Spanier konnte er sich im Tor von Liverpool zu einem der besten Torhüter der Welt aufschwingen und ist ein beinahe unfehlbarer Rückhalt in der erstarkten Defensive der Reds. Als Brasilianer ist der Torhüter darüber hinaus mit so viel Ballgefühl gesegnet, dass er auch beim FC St.Gallen im Mittelfeld spielen könnte. Falls Liverpool das Finale dieses Jahr auch wieder verliert, wird es wahrscheinlich nicht am Torhüter liegen.

Mohamed Salah

Der kleine Ägypter steht zum zweiten Mal im Folge im Final der Champions League. Als er noch für den FC Basel den Flügel rauf und runter flitzte, hätte darauf wohl niemand gesetzt. Es gibt für Verteidiger wohl kaum etwas Beängstigenderes, als wenn Mohamed Salah mit dem Ball am Fuss in vollem Lauf auf einen zustürmt. Und dann wahrscheinlich den Ball ins lange Eck schlenzt. Seit seiner Ankunft aus Rom hat er die Herzen der Fans in Liverpool – oder der ganzen Premier League – mit seiner Spielweise erobert und wurde letztes Jahr Torschützenkönig. Diese Saison kann er nicht ganz an die letztjährige anschliessen, aber ein Mohamed Salah kann immer den Unterschied ausmachen.

Jürgen Klopp

«I’m the normal one», sagte Jürgen Klopp in einem seiner vielen, vielen legendären Interviews in Anlehnung an Jose Mourinho (the special one). Normal ist hier relativ. Jürgen Kloppt lebt von seiner Kumpelhaftigkeit, weil er immer so rüberkommt, als könnte man ihn auch bei einem Regionalliga-Kick hinter dem Bratwurststand antreffen, wenn er sich gerade den vierten Halbliter rein kippt. Normal ist aber weder sein überragendes taktisches Verständnis, sein direkter Umgang mit den Spielern oder seine berühmten Ausraster an der Seitenlinie. Oder die vielen deutschen Sprichworte, die er direkt ins englische Übersetzt. Klar ist: Alle lieben Klopp. Vor allem seine Spieler. Und sie werden für ihren Jürgen alles geben.

Liverpool geht mit der Erfahrung der letztjährigen Niederlage gegen Real Madrid in den Final der Champions League. Für Jürgen Klopp ist es bereits das dritte Endspiel in der Königsklasse. Darüber hinaus hat Liverpool mit dem 4:0-Comeback gegen den FC Barcelona einen unfassbaren Mentalitätssieg in der Tasche. Doch auch Tottenham kann Comeback, wie sie gegen Ajax Amsterdam eindrücklich bewiesen haben. Sicher ist nur eines: Der Henkelpott geht nach England.

(thc)

 


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