«Die Lücke ist nun geschlossen»

Von Angela Müller
Pascal Amar Rüegg und seine Adoptiveltern sind zusammen nach Indien gereist. Das Schwarzweissbild zeigt ihn als Baby.
Pascal Amar Rüegg und seine Adoptiveltern sind zusammen nach Indien gereist. Das Schwarzweissbild zeigt ihn als Baby. © zVg
Mit sieben Monaten kam Pascal Amar Rüegg aus Indien zu seinen Adoptiveltern nach Rorschacherberg. Als Erwachsener reiste er zurück zu seinen Wurzeln. Das hat sein Leben verändert. Jetzt unterstützt er das Waisenhaus, das ihn einst aufgenommen hatte.

«Bis ich dreissig Jahre alt war, wollte ich nichts von meiner Herkunft wissen», sagt Pascal Rüegg. Er sitzt in einem Sitzungszimmer in einem mehrstöckigen Geschäftshaus in Horn, wo er in seiner eigenen Werbeagentur arbeitet.

Aufgewachsen ist der inzwischen 32-Jährige ganz in der Nähe von Horn, bei seinen Adoptiveltern in Rorschacherberg. Sie haben ihm Liebe und eine geborgene Kindheit geschenkt. Auch wenn er damals in dem kleinen Dorf durch seine dunkle Hautfarbe aufgefallen ist und es nicht immer nur positive Reaktionen auf sein Äusseres gegeben hat, sagt er: «Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.» Zu einem verantwortungsbewussten, anpackungsfreudigen jungen Mann.

Der eigene Kinderwunsch löst Fragen aus

Dass ihm etwas gefehlt hat, wollte Pascal lange nicht wahrhaben. Vor zwei Jahren stellte sich ihm dann die Frage nach eigenen Kindern. Und als seine Frau die Frage aufwarf, ein Kind zu adoptieren, brach etwas auf: «Es hat meinen Horizont erweitert. Ich wollte wissen, woher ich komme.»

Als Tourist in seinem Herkunftsland: Pascal Rüegg steht vor dem Taj Mahal im indischen Agra.

Als Tourist in seinem Herkunftsland: Pascal Rüegg steht vor dem Taj Mahal im indischen Agra. (Bild: zVg)

Im Oktober 2018 reiste er zusammen mit seinen Eltern und einem Freund nach Indien. «Ich habe mich in diesem Land sofort sehr wohl gefühlt», sagt Pascal. «Auch wenn die Gegensätze zwischen Armut und Reichtum enorm sind.» In Amravati besuchte er das Waisenhaus, in dem er die ersten sieben Monate seines Lebens verbrachte. «Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag: Ich hatte enormes Glück.» Gleichzeitig war er auch erleichtert zu sehen, dass es den Kindern im Heim gut geht. «Sie können sich zwar keinen Luxus leisten, aber es fehlt nichts Grundlegendes.»

Nicht arm, aber ausserehelich

Im Waisenhaus hat er Unerwartetes über seine eigene Herkunft erfahren. «Es hiess immer, die Armut habe meine Eltern gezwungen, mich ins Waisenhaus zu geben.» Doch das stimmt nicht. Seine Mutter stammt aus einer höheren Gesellschaftsschicht und wurde 1987 unehelich schwanger. Der familiäre und gesellschaftliche Druck zwang sie, ihr Kind wegzugeben.

«Das muss sehr schlimm für sie gewesen sein», sagt Pascal, der sich einfühlen kann, zumal er selber nächstens Vater wird. Noch immer ist es jedoch unmöglich für ihn, mit seiner Mutter in Kontakt zu treten. «Es hätte schlimme Folgen für sie, wenn meine Existenz bekannt würde.» Und auch wenn es ihm schwer fällt, will er diese Situation respektieren. «Es tröstet mich, zu wissen, dass es ihr soweit gut geht und sie nicht in Armut leben muss.»

Die innere Ruhe gefunden

Die Reise nach Indien ist ein Schlüsselerlebnis für den Ostschweizer. «Hier habe ich eine innere Ruhe gefunden. Etwas hat mir immer gefehlt, diese Lücke ist nun geschlossen.» Doch für ihn ist auch klar, dass er nicht untätig bleiben will. Zusammen mit seiner Frau Angy (32) hat er den Verein Namaskaar gegründet.

«Wir finanzieren für das Kinderheim Anschaffungen, die es sich nicht leisten kann.» So hat der Verein kürzlich neue Babybetten und Matratzen für das Heim besorgt. Kostenpunkt 1200 Franken.

Weiter stehen eine Solaranlage zur Aufbereitung von warmem Wasser und ein Spielplatz für die Kinder an. «Ich möchte dem Heim etwas zurückgeben», sagt Pascal und es ist wohl auch der Wunsch, mit seinem Ursprung verbunden zu bleiben, der ihn anspornt, Geld und Vereinsmitglieder für sein Projekt Namaskaar zu suchen.


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