Ich bin Vegetarier – und esse Fleisch

Von Dario Cantieni
So glücklich strahle ich betrunken nach dem Ausgang einen Kebap an
So glücklich strahle ich betrunken nach dem Ausgang einen Kebap an © Bildbearbeitung: FM1Today / Dario Cantieni
Ein Biss von einer Bratwurst? Klar, noch so gerne. Das Poulet im mexikanischen Essen, wenn ich eingeladen bin? Kein Problem. Wer jetzt schimpft: «Und so einer will Vegetarier sein!», hat vermutlich recht. Aber lasst es mich erklären.

Erst mal: Ich möchte hier weder die Moralkeule schwingen, noch irgendjemanden sagen, was er oder sie zu tun oder zu essen und lassen hat. Umgekehrt erwarte ich das aber auch von jedem und jeder, der sich mit mir über Essen und Moral unterhält. Zudem wird in diesem Text bewusst auf das Wortspiel «ist mir Wurst» verzichtet. Danke für die Kenntnisnahme.

Ich mag Fleisch

Steigt mir der Duft von Bratwurst, Speck oder Dönerfleisch in die Nase, kriege ich einen leicht verträumten Gesichtsausdruck. Und bestelle dann schweren Herzens nur Herdöpfelsalat mit Bürli, Rührei ohne Speck oder einen Falafel. Der Grund, wieso ich vor zwölf Jahren aufgehört habe, Fleisch zu essen, ist nicht, weil es mir nicht schmeckt.

Ich habe Schweinehals vom Grill geliebt, das Schnitzelbrot am Grümpelturnier mit Wonne verschlungen und wenn es Omeletten gab, habe ich am liebsten Hackfleisch rein gefüllt. Damit wäre die Frage: «Also, wieso issisch kei Fleisch, häsches nöd gern?», hinfällig. Ich esse aus Überzeugung kein Fleisch (Tierwohl, Umwelt und so weiter) – und kann darum auch mal eine Ausnahme machen.

Wenn jemand Fleisch gekocht hat, sage ich unterdessen nicht mehr nein. Und wenn mein Vater mir eine angefangene Packung Schinken bringt, weil er länger in die Ferien fährt und sie bei ihm schlecht werden würde, mache ich mir auch mal ein Schinkensandwich.

«Bisch du nöd Vegi?»

Denn (die meiste Zeit) auf Fleisch zu verzichten, ist etwas, das ich für mich mache. Etwas, das weder gut noch schlecht ist. Sondern eine persönliche Entscheidung. Trotzdem sind Leute immer noch schockiert, wenn sie mich ein Stück Braten essen sehen. «Bisch du nöd Vegi?!», ist dann die – durchaus berechtigte – Frage. Und die ist an sich auch kein Problem. Nur der leicht moralische Unterton nervt mich.

Vegetarier zu sein, heisst nicht, dass mich der Blitz trifft oder die Vegipolizei verhaftet, wenn ich mal etwas Fleisch esse. Es ist etwas, das ich für mich mache (siehe oben). Aber viele Leute haben das Gefühl, wenn man als Vegi Fleisch isst, sei es «verwerflicher», als wenn man als Fleischesser Fleisch isst. So à la: «Ich als Fleischesser muss mir keine Gedanken zum Essen machen, ich bin ja nicht als ‘Gutmensch’ gelabelt, wie all die Vegetarier. Die sollen sich darum kümmern.»

Und wenn dann ein Vegetarier Fleisch isst und sozusagen «einbricht», ist das für viele Grund genug, erstens die Moralkeule zu schwingen und sich zweitens etwas besser zu fühlen. «Du schaffst es also auch nicht, unseren Planeten zu retten.» Nein, bestimmt nicht. Für mich ist es einfach richtig, so etwas für das Tierwohl und die Umwelt zu machen, auch wenn mir bewusst ist, dass es weiterhin Fleischfarmen und lange Transportwege für Fleisch geben wird. Es ist mein (kleiner) Teil, den ich dazu beitrage. Und auch den nicht konsequent.

Und die Moral von der Geschicht’?

Nicht falsch verstehen, auch viele Fleischesser machen sich Gedanken zur (Um)Welt. «I iss nur selta Fleisch und wenn, denn sottigs, wohni weiss, wohär’s chunnt», ist der meistgehörte Satz, wenn ich jemandem sage, dass ich Vegi sei. Die Leute haben das Gefühl, sie müssten sich vor mir rechtfertigen, dass sie Fleisch essen. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob es richtig oder falsch ist, wenn jemand jeden Tag vierzehn Kilo Poulet aus Brasilien für 2.50 Franken kauft, oder einmal im Jahr ein super-biozertifiziertes Rindssteak isst. Denn Ernährung ist etwas Persönliches, ich bleibe dabei.

Aber da die Leute das Gefühl haben, sich vor mir rechtfertigen zu müssen, glauben sie, ich müsse das auch vor ihnen tun. Falsch gedacht. Also hören wir doch auf, über Schuld und Unschuld im (Fleisch)Konsum zu sprechen und widmen uns lieber der eigentlichen Diskussion. Was kann – und vor allem – was will jede und jeder zum grossen Ganzen beitragen? Wer Billigfleisch essen will, der soll das machen. Aber dazu stehen. Genauso der Veganer oder die Veganerin. Solang nicht missioniert wird von der einen oder der anderen Seite, sollen alle selber entscheiden können, was für sie wichtig und vor allem richtig ist.

Ich kann mich besser mit jemandem arrangieren, der offen zugibt, dass ihm egal ist, wo das Fleisch herkommt und wie es produziert wurde als mit einem missionierenden Mode-Vegetarier, der sich dann klammheimlich und besoffen einen Big Mac holt.

Etwas, das ich übrigens auch schon gemacht habe. Aber ich steh’ dazu. Und bezeichne mich in Zukunft als Flexitarier – ok?


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