Er schrie uns durch die Pubertät

Sandro Zulian, 21. Juli 2017, 07:22 Uhr
Chester Bennington ist tot. Der Linkin Park Frontsänger hat sich im Alter von 41 Jahren das Leben genommen. Bennington hat mit Linkin Park eine ganze Generation geprägt. Ein Nachruf von Sandro Zulian und Raphael Rohner.

Zur gleichen Zeit als Chester Bennington tot aufgefunden wurde, wurde das neueste Video von Linkin Park publiziert. Die Band war auf einer grossen Nordamerika-Tournee und hätte noch über 30 Konzerte gespielt. Die Betroffenheit über den Tod des Musikers ist riesig. In den Sozialen Medien sammeln sich Kondolenzschreiben.

Der letzte Clip von Linkin Park:

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«Wir sind mit dieser Musik aufgewachsen»

«Stell' diese verdammte Musik ab!» Ich höre die kreischende Stimme meiner Mutter vor der verschlossenen Türe meines Zimmer noch so klar, als wäre es gestern gewesen. Mein erstes Linkin Park Album hiess im Jahr 2000 selbstverständlich Hybrid Theory und ich hörte die CD hoch unter runter. Immer und immer wieder. Und das war bei weitem nicht selbstverständlich.

Ich war als Jugendlicher entschiedener Gegner von Rap und jeglichem Sprechgesang. Warum? Das weiss ich auch nicht, aber mein Herz gehörte den langhaarigen Rockstars von Iron Maiden, Pantera oder Motörhead. Doch auf einmal kommt dieser Chester Bennington daher und schreit und redet sich in mein ignorantes Metal-Herz. Mit «Hybrid Theory» hat sich für mich ein ganz neues Spektrum der Musik aufgetan. Vielen vielen Dank dafür. Ruhe in Frieden, Chester. Und übrigens, Mama: Minute 2:11 im Video ?

(Sandro Zulian)

«What the hell are you waiting for?»

Er war der erste Musiker, dem man gerne beim Schreien zuhörte. Seine Stimme war eine Wucht, ein wildgewordenes Feuer, das einem selbst die tiefsten Sorgen aus den Knochen zu reissen vermochte. Seine brachiale Stimmgewalt liess eine ganze Generation von Kids durch die Pubertät beben. Man hatte ein wirres Auf und Ab der Gefühle und wollte so schreien können wie der Mann im Radio. Diese raue, ehrliche Stimme, die einem ein Gefühl von pubertärem Verständnis entgegenbrachte. Man kaufte sich am Jahrmarkt Mützen mit dem «LP»-Logo, nur damit niemand die schwarz gefärbten Haare sehen konnte. Man war allein in der Dunkelheit des Erwachsenwerdens. Im Kopf die Stimme von Chester Bennington, der uns junge Verwirrte wieder träumen liess.

Seinen Weg zur Band Linkin Park fand er, in dem er sich tagelang in einem Zimmer einschloss und seine Gedichte schreiend sang. Dies nahm Bennington dann auf und spielte es über das Telefon den damaligen Bandmitgliedern von «Xero» vor. Diese nahmen Bennington bei sich auf und daraus entstand später Linkin Park. Bennington gab damals sein Leben in Arizona auf, packte seine sieben Sachen zusammen und zog Hals über Kopf nach Kalifornien. Bennington war ein Mann, der auf den Bühnen immer alles zu geben vermochte.

(Raphael Rohner)

Sandro Zulian
Quelle: saz/rar
veröffentlicht: 20. Juli 2017 22:11
aktualisiert: 21. Juli 2017 07:22