Platz und Personal fehlen

St.Galler Jugendliche in der Krise – Kanton lässt sich Zeit

Marija Lepir, 23. Mai 2022, 07:08 Uhr
Bei kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen in St.Gallen kommt es seit über einem Jahr zu monatelangen Wartezeiten. Dabei ist die Nachfrage nicht erst seit Corona sehr gross. Lösungsansätze wären zwar vorhanden, doch die Umsetzung kommt nur schleppend voran.
Die Corona-Pandemie hat die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen deutlich negativ beeinflusst.
© IMAGO/photothek

Seit April sind wir in der Schweiz befreit von den Corona-Massnahmen. Die Pandemie scheint – zumindest vorerst – vorbei. Während die meisten Leute wieder normal weiterleben, kämpfen viele noch mit den Nachwirkungen von Isolation und Massnahmen.

Dabei sind nicht nur Erwachsene, sondern sehr oft auch Jugendliche und junge Erwachsene betroffen, wie Studien weltweit belegen. Unter anderem auch eine im vergangenen Dezember veröffentlichte Umfrage der Universität Basel, gemäss welcher in der Schweiz jeder dritte junge Mensch zwischen 14 und 24 Jahren unter schweren depressiven Symptomen litt.

Unterversorgung schon vor der Pandemie

Wenig überraschend bestätigt nun auch der vergangene Woche erschienene Jahresbericht des Schulpsychologischen Dienstes St.Gallen (SPD) eine Zunahme der Nachfrage nach psychologischer Beratung an St.Galler Schulen. Der erhöhte Bedarf sei insbesondere unter Schülern und Schülerinnen der Kantonsschulen gross und «mit grosser Sicherheit auf deren Belastung durch die Pandemie zurückzuführen», heisst es dort.

Schweizweit herrscht bereits seit Jahren ein Defizit, welches durch die Pandemie lediglich verschärft wurde. Bereits 2016 verwies eine vom BAG in Auftrag gegebene Studie auf die Mängel.

Steigende Fallzahlen und lange Wartezeiten

Antworten zur prekären Lage wurden bereits im Juni 2021 verlangt. Eine Dringliche Interpellation der SP-Fraktion beinhaltete Fragen unter anderem zu Präventionsmassnahmen sowie zum Angebot im Bereich der Adoleszenten-Psychiatrie.

In ihrer Antwort schrieb die Regierung damals, dass sie die Entwicklung mit Sorge betrachte. So nahm die Zahl der IV-Neurenten von jungen Erwachsenen aufgrund von psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren stetig zu. Im Jahr 2000 betrafen neun Prozent aller IV Neu-Berentungen aufgrund von psychischen Erkrankungen junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Im Jahr 2020 stieg dieser Anteil auf 20 Prozent.

Schon letztes Jahr berichtete die Regierung von einer deutlichen Zunahme der Auslastung. Damals musste man für eine stationäre Behandlung drei bis vier Monate und bei einer ambulanten/tagesklinischen Behandlung bis zu sechs Monate warten. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Die Anmeldungen bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St.Gallen (KJPD), die ambulante Behandlungen anbieten, seien «gleich hoch wie vor einem Jahr», schreiben diese auf Anfrage vom «St.Galler Tagblatt».

Die Wartezeit für ein Erstgespräch betrage drei bis vier Wochen, auf Behandlungsplätze warten Patientinnen und Patienten, je nach Dringlichkeit, «unter Umständen tatsächlich bis zu sechs Monate». Bei selbstständigen Psychiaterinnen und Therapeuten gebe es in der Region Wartezeiten von bis zu neun Monaten. Berichtete FM1Today letzten Sommer.

Fachkräftemangel ist grösstes Problem

Eine schnelle Lösung gibt es nicht, ist Thomas Ammann, Arzt und Stiftungsratspräsident der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St.Gallen (KJPD), auf Anfrage von FM1Today überzeugt.

Das grösste Problem sieht Ammann im Fachkräftemangel. Dabei würde dieser eindeutig nicht nur den Kanton St.Gallen, sondern die ganze Schweiz betreffen. Es fehle insbesondere an Ärztinnen und Ärzten der Kinderpsychiatrie, da zu wenige ausgebildet werden. «Die neuen Vorgaben, dass ein Arzt aus der EU zuerst drei Jahre bei uns gearbeitet haben muss, bis er in der Praxis oder beim KJPD arbeiten kann, ist eine unverständliche Regelung und beweist, wie weit weg diese Entscheidungsorgane von der Praxis sind. Dann gibt es auch Fachpersonen aus nicht EU-Ländern, auch dazu fehlen Lösungsansätze», so Ammann.

Am wichtigsten sei jetzt, eine Regelung zu finden, wie man ausländische Mediziner und Medizinerinnen einsetzen kann. Es habe klar zu wenig Nachwuchs aus der Schweiz. Was auch mit der Entlöhnung zu tun habe. «Die Situation mit den Taxen für die Kinderpsychiater- und Psychiaterinnen ist miserabel im Vergleich zu den Spezialisten. Auch da müsste man einsetzen. Aber Bundesrat Berset hat durch seine unüberlegten Tarifeingriffe dafür gesorgt, dass es im Bereich der Kinderpsychiatrie noch schlechter geworden ist.»

Geht es nach Thomas Ammann, muss die Ausbildung forciert und die Entlöhnung verbessert werden. Seit 2021 erhalten die KJPD sowie das Ostschweizer Kinderspital einen Kantonsbeitrag von 1,1 Millionen Franken, um die psychiatrische Notfallversorgung für Kinder und Jugendliche sicherzustellen. Zu wenig, sagt Ammann: «Wir benötigen zusätzliche Stellen und damit verbunden deutlich mehr Geld vom Kanton. Bei uns im KJPD spielen die Kinder-Psychologinnen und -Psychologen eine sehr zentrale Rolle.»

«Keine rasche und deutliche Verbesserung absehbar»

Die Folgen einer psychiatrischen Unterversorgung gehen über den Einzelfall hinaus, wie der Schulpsychologische Dienst in seinem Jahresbericht schreibt. Die Auswirkungen und Chronifizierungen nicht oder spät behandelter psychischer Störungen, würden mit der Pandemie nicht verschwinden, sondern das Schul- und Gesundheitssystem noch längere Zeit beschäftigen.

FM1Today hat das St.Galler Gesundheitsdepartement mit den Lösungsansätzen von KJPD-Präsident Thomas Ammann konfrontiert – und eine nur wenig konkrete Antwort erhalten. Der Kanton verweist wiederum auf die Interpellationsantwort aus dem Jahr 2021.

Weiter schreibt das Gesundheitsdepartement, es sei sich der Situation bewusst. Zu den Vorschlägen könne es allerdings keine Auskunft geben, «da diese Vorschläge seitens Gesundheitsdepartement geprüft werden und den Ergebnissen nicht vorgegriffen werden sollten.»

Alte Pläne für neue Probleme

Laut Interpellationsantwort hätte eine Analyse aus dem Jahr 2018 die «Versorgungslücken mit dem grössten Handlungsbedarf» offenbart. Nebst der Notfallversorgung und Krisenintervention, gehören auch Angebote für junge Menschen dazu. Für Leute zwischen 16 und 25 Jahren gibt es im Kanton nämlich keine Angebote. Früherkennungshilfen seien zwar in Ansätzen vorhanden, könnten jedoch noch intensiviert werden.

Die aktuelle Planung des Gesundheitsdepartements im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie geht auf das Jahr 2012 zurück. Für das Jahr 2023 ist eine neue Planung vorgesehen, in deren Rahmen neue Massnahmen geprüft werden sollen. Bis dahin ist zunächst keine Linderung der Problematik in Sicht. Entsprechend nüchtern fällt auch das Fazit des SPD aus:

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. Mai 2022 07:08
aktualisiert: 23. Mai 2022 07:08
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