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Bischofszell

Bei «Emma's Lebensmittel» bezahlt man nur, was man kann

Sandro Zulian, 30. November 2020, 09:59 Uhr
In der Thurgauer Gemeinde Bischofszell gibt es einen «Unverpackt»-Laden, der eine ungewöhnliche Preispolitik wagt. Die sieben Gründerinnen versprechen sich einiges davon.

In der Kirchgasse im thurgauischen Bischofszell steht seit einigen Monaten ein Tante-Emma-Laden, der auch so heisst. «Emma's Lebensmittel» eröffnete im Frühjahr als erster «Unverpackt»-Laden in der Region.

Seitdem bieten die sieben Gründerinnen auf 50 Quadratmetern unter anderem Teigwaren, Gewürze, Kräuter, Hülsenfrüchte oder Hygieneartikel an. Kundinnen und Kunden müssen ihr Gefäss selber mitbringen oder im Laden einen Stoffbeutel kaufen.

Im hauseigenen Café gibt es Getränke, Kaffee und Kuchen.

Wer kann, darf mehr zahlen

Neu sind bei «Emma's Lebensmittel» in Bischofszell die Einkaufsregeln geändert worden. Die Gründerinnen haben sich auf eine mutige Strategie geeinigt, die ab sofort gilt. Alle zahlen nur so viel, wie sie können.

  • Ermässigt: Alle sollen in der Lage sein, verpackungsarm und ökologisch einkaufen zu können. Leute mit niedrigem Einkommen oder knappen finanziellen Ressourcen bezahlen diesen Preis. Die Marge für «Emma's Lebensmittel» beträgt circa zehn Prozent.
  • Regulär: Dieser Preis entspreche ungefähr den verbreiteten Verkaufspreisen im Detailhandel. Die Marge für «Emma's Lebensmittel» betrage circa 30 Prozent. Mit dieser Bezahlstufe könne das Bestehen des Ladens gesichert werden.
  • Gönner: Leute mit höherem Einkommen dürfen diese Stufe wählen. Damit wird die erste, ermässigte Stufe subventioniert. Die Stufe trage dazu bei, den Laden zu betreiben und ein sozialeres Preissystem leben zu können. 

Die Kundinnen und Kunden rechnen so ihren Einkauf selber im Laden zusammen, nennen an der Kasse den Betrag und bezahlen. Nachgerechnet wird nicht.

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Quelle: FM1Today

Nach dem Einkauf wisse niemand, wer wie viel für welchen Artikel bezahlt hat, bekräftigen die Betreiberinnen von «Emma's Lebensmittel».

Viel Vertrauen – auf beiden Seiten

«Es geht uns darum, das Gemeinsame zu fördern. Wir schiessen unseren Kunden das Grundvertrauen vor», sagt Doris Reifler, eine der «Emmas». So nennen sich die sieben Frauen, die den Laden zusammen gegründet haben. Sie hoffen, dass sich die Idee herumspricht und auch andere Menschen inspiriert.

Keine Angst vor Ausnützung

Dass nun Kunden in den Laden kommen und ständig und ausschliesslich den tiefsten Preis wählen, um damit möglichst billig wegzukommen, glaubt Reifler nicht: «Man sieht es an unseren Zahlen.» Ausserdem sei zu spüren, dass die meisten Kundinnen und Kunden sich eher für die oberen beiden Preisklassen entscheiden.

Unverpackt und bio soll nicht teuer sein

«Wir möchten nicht, dass jemand aus finanziellen Gründen nicht unverpackt oder biologisch einkaufen kann», sagt eine andere «Emma», Isabelle Rey. Auch das öffentliche «Outing» einer finanziell schwachen Person sei nicht die Absicht beim Unverpackt-Laden in Bischofszell: «Niemand soll hier einen Ausweis zeigen, oder zugeben müssen, dass es geldtechnisch knapp wird.»

Preispolitik regt zum Nachdenken an

Die Kundinnen und Kunden reagieren mehrheitlich «gwundrig» auf die neue Preispolitik, sagt Rey: «Die meisten sind erst ein wenig verunsichert, entscheiden sich für den regulären Preis und fangen daraufhin an, sich Gedanken zu machen.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 30. November 2020 06:43
aktualisiert: 30. November 2020 09:59