Partyfrust

Jetzt redet die Clubszene: «Bundesratsentscheid ist null durchdacht»

Dario Brazerol, 28. Mai 2020, 15:50 Uhr
Das St.Galler Kugl stellt auf Barbetrieb um. (Archivbild)
© St.Galler Tagblatt/Urs Bucher
Nach einer langen Zwangspause dürfen Clubs ab dem 6. Juni wieder öffnen. Pro Abend dürfen 300 Gäste empfangen werden, Schluss ist um Mitternacht. Die Clubbetreiber hätten sich mehr Freiheiten gewünscht.

300 Gäste, Präsenzlisten und Sperrstunde um Mitternacht. Unter Einhaltung dieser Regeln dürfen Schweizer Clubbetreiber ab dem 6. Juni wieder Gäste empfangen. Nachdem die Tanzflächen seit über zwei Monaten verwaist sind, ist dies ein erster Schritt in Richtung Normalität – ein Schritt, der für die Clubbetreiber einige Hürden bereithält.

Unverständnis im Churer Selig

«Wir sind nicht glücklich mit dem Entscheid», sagt Roni Szepanski, Geschäftsführer des Churer Clubs Selig. «Ich habe das Gefühl, der Bundesrat hat das null durchdacht. Es wirkt so, als ginge es dem Bund darum, möglichst schnell viele Leute aus der Kurzarbeit zu holen.» Besonders die Sperrstunde um Mitternacht trifft auf Unverständnis: «Die Sperrstunde wurde aufgestellt, weil man Angst hatte, dass die Leute sich zu später Stunde nicht mehr an die Abstandsregeln halten. Im Club selbst können die Abstandsregeln nicht eingehalten werden, darum gibt es die Präsenzlisten, um das Contact-Tracing zu gewährleisten. Worin liegt also der Sinn der Sperrstunde?»

Das Selig in Chur wird den Betrieb am 6. Juni noch nicht aufnehmen. Auch weil es den Churer Gartenbeizen bewilligt wurde, ebenfalls bis 24 Uhr im Freien bedienen zu dürfen. «Das ist schön für die Gartenbeizen. Für die Clubs ist es kontraproduktiv. In den warmen Sommermonaten verbringen die Gäste ihre Abende lieber im Freien», sagt Roni Szepanski. Aus finanzieller Sicht würde sich die Wiedereröffnung ebenfalls nicht lohnen – gar grössere Verluste sind möglich «Ich müsste die Security, DJ und Barkeeper bereitstellen, Strom und Suisa-Gebühren zahlen. Die aktuelle Situation stellt uns zu hohe Hürden und würde uns vor die Wahl zwischen Pest und Cholera stellen.»

«Entscheide zum Nightlife waren suboptimal»

Auch im St.Galler Club Trischli ist man mit den Lockerungsschritten nicht vollends zufrieden: «Wir hätten uns mehr Unterstützung gewünscht. Die Entscheide des Bundesrats wurden mit Spannung erwartet. Jene Entscheide, die das Nightlife betrafen, waren dann allerdings eher suboptimal», sagt Luca Frisulli, Marketing- und Eventverantwortlicher im Trischli. Aktuell arbeiten die Verantwortlichen an verschiedenen Schutzkonzepten, «welche sich mit den doch weitreichenden Einschränkungen des Bundesrats sowie unserer Wirtschaftlichkeit vereinbaren lassen». Zeitnahe wolle man entscheiden, in welcher Form der Club wieder öffnen wird.

«Clubbetreiber müssen kreativ werden»

Ähnlich sieht die Situation im St.Galler Club Kugl aus. Wann der Clubbetrieb wieder aufgenommen wird, ist noch nicht klar. «Noch können wir nicht aufatmen», sagt Kugl-Chef Daniel Weder. «Clubbing heisst, du gehst ab Mitternacht erst in den Ausgang. Ein Barbetrieb kann bis 24 Uhr funktionieren. Für das Kugl ist es zum Glück relativ simplel, auf den Barbetrieb umzustellen.» In den kommenden Wochen will sich das Kugl mehr auf kulturelle Events konzentrieren. «Die Clubbetreiber müssen jetzt kreativ werden.»

«Leute haben Lust, Party zu machen»

Die Thurgauer Firma 2B Visions AG, welche beispielsweise den Club Firehouse in Weinfelden betreibt, kann sich vorstellen, nun vermehrt auf Tages- oder Outdoor-Partys zu setzen. «Ich spüre bei den Leuten, dass sie Lust haben, Party zu machen», sagt der Hauptverantwortliche von 2B Visions, Markus Ritzinger. «Grundsätzlich freuen wir uns, dass es nun in die richtige Richtung geht und wir 300 Leute empfangen dürfen. Allerdings bereitet auch uns die Polizeistunde Kopfzerbrechen.» Trotzdem schaut Markus Ritzinger positiv auf die nächsten Wochen. Um den Betrieb kostendeckend zu führen, müsste sich die Lage aber noch mehr normalisieren.

Die Ostschweizer Clubbetreiber sind sich einig: Die Zeit von unbeschwerten Partynächten liegt noch in weiter Ferne. Die Freude über den Bundesratsentscheid hält sich in Grenzen – oder fehlt komplett. Der Schweizer Clubsommer wird wohl eher zum Clubherbst.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 28. Mai 2020 15:32
aktualisiert: 28. Mai 2020 15:50