Sexismus im Militär

«Die Schweizer Armee hat ein kulturelles Problem»

· Online seit 06.06.2023, 15:33 Uhr
Die Armeeführung hat sich dem Kampf gegen Diskriminierung verschrieben. Caroline Weibel ist Zugführerin in der Infanterie. Wir haben sie gefragt: Reicht ein Video, um das Sexismusproblem in der Armee in den Griff zu bekommen?
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Frau Weibel, haben Sie je bereut, in den Militärdienst eingetreten zu sein?

Nein, nie. Im Endeffekt war und ist es so eine positive Erfahrung – ich leiste noch Wiederholungskurse. Ich habe so viel gelernt. Auch in Momenten, in denen es hart war.

Was waren das für Momente?

Mentale und physische Herausforderungen. Ich habe die Offiziersschule in der Infanterie gemacht. Schon bei der Eintrittsübung war ich 67 Stunden am Stück wach. Während der Durchhalteübung gab es wieder wenig Schlaf, wenig zu essen und am Schluss lief ich 100 Kilometer. Das war streng. Da fragt man sich manchmal schon, warum man das noch freiwillig macht. Aber bereut habe ich es nie. Ich bin sogar dankbar, dass ich es gemacht habe.

Gab es je Situationen, in der Sie mit Diskriminierung konfrontiert waren?

Wenn wir über Sexismus reden: Es fielen Sprüche wegen meines Geschlechtes. Aber es ging nie darüber hinaus.

Sie sprechen Fälle an, in denen Medien in der Vergangenheit über Übergriffe und sexuelle Belästigungen an Frauen im Militär berichteten.

Genau. Damit hatte ich nie zu kämpfen. Nur damit, dass Männer Mühe hatten, mich als Frau zu respektieren. Besonders, als ich in eine Kaderposition kam. Einige wollten keine Befehle von mir annehmen. Auch gab es Fälle, wo man mich weniger ernst nahm. Aber das findet man in der Privatwirtschaft genauso.

Wie sind Sie mit diesen Ungleichbehandlungen umgegangen?

Das nervt auf jeden Fall. Ich war aber nie allein. Es gab andere Frauen in der Kompanie, mit denen ich mich austauschen konnte – auch viele männliche Kollegen, an die ich mich wenden konnte und mich verstanden. Ich hatte das Glück, dass auch Vorgesetzte mich unterstützten. Sie achteten darauf, eingreifen zu können, falls etwas vorgefallen wäre. So fühlte ich mich in meinen zweieinhalb Jahren Dienst zu jedem Zeitpunkt gut aufgehoben.

Einige Frauen, die Belästigungsvorwürfe erhoben, sagten, dass sie sich gar nicht erst an Vorgesetzte gewendet hätten, aus Angst vor Konsequenzen oder weil sie sich nicht ernst genommen fühlten. Können Sie das nachvollziehen?

Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn man nicht so ein Glück hatte wie ich und sich in so einer Situation befindet, hat man Angst, dass man den Respekt innerhalb der Truppe verliert, sobald man sich gegen Sexismus auflehnt. Das ist extrem schwierig und so hat man Hemmungen sich zu wehren. Das ist Teil eines kulturellen Problems innerhalb der Schweizer Armee.

Inwiefern?

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt: Die Thematik ist noch nicht an der richtigen Stelle angekommen. Ein Mann oder eine Frau sollte sich mit einem Problem an einen Vorgesetzten wenden können und dort Unterstützung erhalten. Immerhin gibt es wichtige Anlaufstellen, die helfen, wie die Armeeseelsorge oder FiAD (Fachstelle Frauen in der Armee und Diversity). Diese Stellen leisten kompetent Hilfe bei einem Problem. Schade ist aber grundsätzlich die Tatsache, dass man erst Drittstellen kontaktieren muss, weil das Vertrauen gegenüber den Vorgesetzten offenbar nicht genügend gefestigt ist, um sich direkt an sie zu wenden.

Die Armeeführung hatte angekündigt, sich künftig gegen Diskriminierung in der Armee einzusetzen. Eine Massnahme war das Video des Chefs der Armee, das kürzlich an alle Kader verschickt wurde. Was halten Sie davon?

Das Video sendet eine wichtige Botschaft. Und dies sehr deutlich: Der CdA tritt mit einem Thema an die Öffentlichkeit, das vor fünf Jahren noch nicht gleich besprochen wurde. Das zeigt, dass man die Problematik erkannt hat und beweist Solidarität mit betroffenen Personen. Das begrüsse ich und ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Was muss sich ändern, dass sich die Zustände in der Armee verbessern?

Es braucht alle. Auch die Personen, die nebendran stehen und Vorfälle beobachten. Die hin stehen und sagen, wenn etwas ungerecht läuft. Es braucht eine Sensibilisierung dafür, dass Diskriminierung existiert und dies auch in der eigenen Truppe ein Problem sein könnte. Und es braucht Strukturen, in denen es möglich ist, Missstände zu melden – egal ob als Mann oder Frau.

Was noch?

Kulturelle Änderungen sind immer schwierig. Der Anteil der Frauen in der Armee ist nur knapp über einem Prozent. Frauen sind eine krasse Minderheit, sodass die Verhaltensweisen von Männern geprägt sind. Dass so eine Atmosphäre entsteht, die für Frauen nicht so angenehm ist wie für Männer, ist logisch. Darauf muss man sich einstellen und das braucht etwas Zeit.

Würden Sie sagen, dass sich das Problem entschärfen würde, wenn mehr Frauen Militärdienst leisten würden?

Ja, das denke ich schon. Je sichtbarer Frauen in der Armee werden, desto besser. Ausserdem hat sich bereits einiges getan: Wenn man die Erlebnisse der ersten Frauen im Militärdienst mit denen von heute vergleicht, haben sich die Zustände sicher massiv verbessert. Es gibt ein Verständnis und einen besseren Umgang für Frauen in der Armee.

Wie war das bei Ihnen?

Vor meinem ersten Tag dachte ich, ich würde die einzige Frau sein. Als ich dann einrückte, war ich überrascht, wie viele Frauen es gab. Da merkte ich auch, wie wichtig es ist, dass man sich untereinander austauschen kann. Dort spielt unser Verein auch eine wichtige Rolle.

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Zum Schluss: Was würden Sie Frauen raten, die in den Militärdienst eintreten wollen?

Sie sollten sich gut damit auseinandersetzen, ob Militär wirklich das ist, was man sich darunter vorstellt und man es sich nicht etwas romantisiert. Es ist nicht nur lustig, sondern es gibt, wie gesagt, viele Momente, wo man an seine Grenzen kommt.

Was sonst?

Ausserdem ist eine gute Ausdauer von Vorteil. Damit meine ich nicht, dass man alle Liegestütze mitmachen oder viel rennen können muss, sondern dass man mit einem durchgetakteten Tagesablauf von morgen früh bis abends spät umgehen kann, wo Pausen rar sind. Aber sonst: Geniesst es und macht das Beste daraus.

veröffentlicht: 6. Juni 2023 15:33
aktualisiert: 6. Juni 2023 15:33
Quelle: Today-Zentralredaktion

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