Inklusives Reiseland Schweiz?

«Hotels sehen Menschen, die anders ticken, als Störfaktor»

· Online seit 22.08.2023, 10:08 Uhr
Zugfahren, Zmittag essen, aufs WC gehen: Reisen birgt für Menschen mit Behinderung Hürden. Nun will Arosa «die erste komplett inklusive Destination» des Landes werden. Helena Bigler von Procap Reisen erklärt, wie barrierefrei die Schweiz wirklich ist.

Quelle: Beitrag vom 16. August 2022 / Tele M1

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«Arosa Tourismus und Mounton haben eine wegweisende Partnerschaft geschlossen, um Arosa zur ersten komplett inklusiven Destination der Schweiz zu machen», schreibt die Tourismus-Organisation in einer Mitteilung Anfang August.

Zusammen mit dem Luzerner Start-up Mounton will Arosa Tourismus Massnahmen treffen, um «eine inklusive Gesellschaft mit Vorbildcharakter aufzubauen», wie es in der Mitteilung weiter heisst. Allen Menschen sollte es möglich sein, ein «erfüllendes Bergerlebnis» zu haben.

1,7 Millionen Menschen mit Behinderung

Helena Bigler, Leiterin von Procap Reisen, einem Reisebüro für Menschen mit Behinderung, machte bisher andere Erfahrungen. Wenn Procap Buchungsanfragen an Hotels stellt, bekomme das Reisebüro immer wieder zu hören, dass bereits alles ausgebucht sei, sagt sie gegenüber der Today-Redaktion. Für Bigler ist die Message, die sie auch immer wieder zu hören bekomme, klar: «Hotels sehen Menschen mit Handicap, die vielleicht etwas anders ticken, immer noch oft als Störfaktor für ihre anderen Gäste.» Öffentlich zugeben würde das aber kaum jemand.

Bei Menschen mit Behinderung oder einer Beeinträchtigung handelt es sich nicht um eine kleine Minderheit. Laut Bundesamt für Statistik haben rund 1,7 Millionen Schweizerinnen und Schweizer eine Behinderung, 591'000 davon eine «starke» Beeinträchtigung. Einer Zufriedenheits-Studie des Bundes von 2020 zufolge waren Menschen mit Behinderung unzufriedener mit ihrem Leben und ihren Lebensbedingungen, wie etwa den Freizeitaktivitäten.

Flickenteppich an «inklusiven» Angeboten

Bigler kritisiert, dass in den letzten zehn Jahren viel Energie verschwendet worden sei. Statt im Tourismus zusammenzuarbeiten, seien nur vereinzelte Angebote auf den Markt gekommen.

Vereinzelte Angebote wie jene von Arosa Tourismus seien zwar hilfreich, weil so das barrierefreie Reisen in der Öffentlichkeit thematisiert werde. «Das ist sehr wichtig, denn dadurch wird die Gesellschaft als Gesamtes sensibilisiert», sagt Bigler. «Wirklich vorwärts kommen wir damit aber nicht.»

Dass es nicht ein gesamtschweizerisches Angebot für Reisen mit Behinderung gibt, bestätigt auch Markus Berger, Sprecher von Schweiz Tourismus. «Im Moment machen die einen Destinationen mehr, die anderen weniger.» Ein inklusiveres Reiseland Schweiz zu schaffen, liege nicht im Kompetenzbereich von Schweiz Tourismus. «Wir sind eine Vermarktungsorganisation und können das Angebot nicht gestalten. Wir können nur vermarkten, was vorhanden ist», erklärt Berger.

Dennoch hält er fest: «Wir sind froh um alles, was dazu beiträgt, die Schweiz zugänglicher zu machen.»

Inklusion liegt im Trend

«Es gibt keine definierten Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit sich eine Destination ‹inklusiv› nennen kann», erläutert Helena Bigler.

Für sie ist das Ganze eher eine PR-Aktion – etwas, das sie in ihrer Arbeit für die Fachstelle Tourismus Inklusiv bei Procap leider immer wieder erlebe. Inklusion sei «in» geworden und heutzutage fast ein «Muss», sagt sie gegenüber der Today-Redaktion. «Aber bei der konkreten Umsetzung hapert es nach wie vor an vielen Stellen.»

Alles nur ein PR-Coup? Roland Schuler von Arosa Tourismus präzisiert auf Anfrage der Today-Redaktion das grosse Ziel: «Wir erhoffen uns, dass alle in Arosa Ferien geniessen können und möglichst keine Einschränkungen erfahren müssen.» Inklusion sei ein Schwerpunkt der Strategie Arosa 2023, einem Vorhaben, die Destination «nachhaltiger» zu gestalten. Menschen sollten gleichbehandelt werden und die gleichen Chancen erhalten. «Im angesprochenen Projekt geht es in diesem Fall darum, Barrieren abzubauen und eine möglichst hohe Barrierefreiheit zu erzielen», so Schuler.

Barrierefreier Tourismus rentiert nicht

Im Gegensatz zu Menschen ohne Handicap müssen Menschen mit Behinderung ihre Ferien und Ausflüge gut vorausplanen. Es beginne schon bei der Hinfahrt, etwa mit dem Zug, erklärt Helena Bigler.

«Menschen im Rollstuhl müssen sich eine halbe Stunde vor Abfahrt bei der SBB anmelden. Und zwar für jede neue Destination. Bei jeder Bahn, die ich nehme, muss ich mich zuerst schlaumachen: Komme ich physisch hinein? Welche Möglichkeiten habe ich auf einem Berggipfel? Ist ein Restaurant zugänglich und gibt es unterwegs hindernisfreie Toiletten? Kann ich an einer Rundtour teilnehmen?»

Es sei stets auch eine Kostenfrage, Toiletten, Restaurants und Wanderwege barrierefrei zu gestalten, so Bigler. Das sei das Hauptproblem: «Man muss Zeit und Geld investieren, damit auch Menschen mit Behinderungen reisen können. Doch wenn diese Investitionen keinen Zusatzgewinn bringen, macht kaum jemand etwas für einen inklusiveren Tourismus.»

Wenige Hotelangebote für Gruppen

Procap selbst publiziert jedes Jahr einen Ferienkatalog mit barrierefreien Angeboten im In- und Ausland. «Wir sind immer auf der Suche nach neuen Destinationen für Gruppen mit mehreren Rollstühlen», erklärt Helena Bigler. «Doch gerade in der Schweiz können wir die Optionen an zwei Händen aufzählen und wären froh, wenn es mehr tolle Angebote gäbe.»

Tatsächlich gibt es im Reisekatalog von 2023 nur sechs Angebote für Gruppenreisen in der Schweiz. Die Ferien werden subventioniert, damit sie erschwinglich bleiben. Das Bundesamt für Sozialversicherungen, die Stiftung «Denk an mich» und Procap selbst zahlen einen Beitrag.

Lernen von Menschen mit Behinderung

Für Bigler haben alle Menschen mit Handicap das Recht auf barrierefreie Reiseangebote, unabhängig von ihrer Behinderungsform. «Wir haben viele Kunden, die nicht selbständig unterwegs sein können oder die ‹komisch› sprechen. Nicht alle Menschen mit Behinderungen sind Para-Athleten.»

Dass Menschen mit Behinderungen an Ferienangeboten teilhaben können, ist wichtig für die ganze Gesellschaft: «Wenn Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenkommen, haben wir bereits die erste Hürde überwunden. Denn die Leute merken meistens schnell, dass sie auch etwas lernen können von Menschen mit Behinderung», sagt Bigler. Dieser Austausch sei ein wichtiges Element in der Sensibilisierungsarbeit.

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Mehr Autonomie bei Ferienbuchung

Dennoch möchte Bigler die Aktion von Arosa Tourismus nicht schlechtmachen. Es sei grundsätzlich eine gute Initiative und könne möglicherweise andere, kleinere Destinationen zum Nachahmen animieren: Nur: «Unser Wunsch ist es, dass Arosa die Inklusion ernst nimmt und gut umsetzt, und zwar mit klaren Kriterien, die geprüft werden.»

Für Bigler ist wichtig, dass bei inklusivem Tourismus echte Zugänglichkeit geschaffen wird. «Menschen mit Behinderung sollen selbst entscheiden können, wo sie hingehen.»

Dennoch ist sie skeptisch: «Inklusiver Tourismus ist kein attraktives Thema, da es nicht lukrativ ist.»

veröffentlicht: 22. August 2023 10:08
aktualisiert: 22. August 2023 10:08
Quelle: Today-Zentralredaktion

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