FC St.Gallen

Stolze Stergious: Der starke Rückhalt aus dem Toggenburg

Lara Abderhalden, 16. Dezember 2019, 07:24 Uhr
Der Wattwiler Leonidas Stergiou spielt seit knapp einem Jahr in der ersten Mannschaft des FC St.Gallen. Der schnelle, ruhige und spielintelligente Innenverteidiger hat seinen Erfolg auch seiner Familie zu verdanken, von der er nicht nur seine Bodenständigkeit und seinen Sinn für Fairplay hat, sondern auch seine Herzlichkeit. Ein Besuch bei der griechischen Familie in Lichtensteig.

«Yamas!» Gläser werden feierlich zusammengeführt, griechische Spezialitäten reihen sich auf dem langen Tisch aneinander. Juwetzi, Tzatziki oder mit Reis gefüllte Peperoni – es riecht fantastisch. Vater, Mutter, Schwester, Tante, Onkel, Cousinen – sie alle sitzen nebeneinander im Restaurant «Noi» in Lichtensteig, das Leonidas' Onkel Stavros und Nikos gehört. «Hast du Hunger?», werde ich gefragt und schon habe ich einen Teller voll mit köstlich aussehenden, griechischen Spezialitäten vor mir auf dem grün-weiss karierten Tischtuch.

Griechische Spezialitäten werden während des Interviews aufgetischt.

© Lara Abderhalden

Vierzig Angehörige im Kybunpark

Grün-weiss, das sind auch die Farben, mit denen sich Leonidas' Familienmitglieder an diesem Sonntagabend geschmückt haben. Es ist der Sonntag nach dem letzten Spiel der Hinrunde ihres Lieblings-St.Gallen-Spielers. Sogar die Grossmutter Marina trägt einen grün-weissen Schal mit den Zahlen 1879. Auf dem Rücken des Trikots von Leonidas' Schwester steht weiss auf grün «Stergiou» und das gestreifte T-Shirt des Vaters, Kostas Stergiou, spannt sich leicht um den Oberkörper: «Ich sollte abnehmen, wenn ich die Trikots meines Sohnes weiterhin tragen will.»

Die gesamte griechisch-schweizerische Truppe ist jeweils an den Spielen des 17-jährigen Leonidas anwesend. Sogar die Grossmutter kommt an die Heimspiele, «wenn es nicht gerade in Strömen regnet oder schneit», sagt Kostas Stergiou und tätschelt liebevoll die Hand seiner Mutter. «An Leonidas 17. Geburtstag waren wir mit vierzig Personen im Kybunpark – und St.Gallen gewann 3:0 gegen Xamax.»

Sogar die Grossmutter Marina trägt grün-weiss.

© Lara Abderhalden

«Puls ist jedes Wochenende auf 180»

Auch beim letzten Spiel der Hinrunde am Samstag gegen den FC Zürich waren die Familienmitglieder im Kybunpark. «Ich habe den FC-Zürich-Fans den FC-St.Gallen-Schal vor die Stirn gehalten, als diese mich zu sehr provozierten», sagt Kostas und lacht. Glücklicherweise seien diese in einem anderen Sektor gestanden.

Wütend oder enttäuscht über die Niederlage gegen Zürich waren die Stergious nicht. «Für uns ist es immer am wichtigsten, wie sich Leonidas bei einem Spiel schlägt», sagt Kostas und Mami Dusica ergänzt: «Für mich gilt das ganze Spiel über: Wo ist Leonidas? Was macht Leonidas?» Kostas: «Was sich am meisten verändert hat, seit Leonidas bei der ersten Mannschaft und nicht mehr der U21-Mannschaft spielt, ist der Puls von Dusica. Der ist jedes Wochenende auf 180.»

Leonidas selbst ist gemäss seiner Onkel die Ruhe in Person oder wie Nikos Stergiou ihn beschreibt: «Der stille Arbeiter.» Er lasse sich nie aus der Ruhe bringen. «Wenn andere ellbögeln oder sich provozieren lassen, bleibt er ruhig. Er ist ein sehr, sehr fairer Spieler.» Deshalb habe er in den 30 absolvierten Spielen in der Super League auch erst zwei gelbe Karten geholt. «Er ist ein sehr reifer und durchdachter Spieler», ergänzt Stavros Stergiou.

Ein sehr durchdachter Spieler - Leonidas Stergiou im Einsatz beim FCSG.

© Keystone

Ein Vorbild fürs Toggenburg

Die beiden Gastronomen werden im Restaurant «Noi» in Lichtensteig sehr oft auf ihren Neffen angesprochen. «Jeder möchte mit uns über Fussball sprechen», sagt Stavros. Das sei sehr schön und mache sie stolz. «Er ist ein grosses Vorbild für die Region und zeigt auf, dass es möglich ist, es als junger Toggenburger weit zu bringen.» Von einer Inspiration für die Jugend spricht sein Onkel Nikos.

Entdeckt wurde Leonidas von Cheftrainer Peter Zeidler vergangenes Jahr bei einem Spiel mit der U21-Mannschaft in Stuttgart. Das Team machte dort bei einem Turnier mit, das Zeidler zufälligerweise besuchte. «Das Turnier war am Sonntag und am Montag trainierte mein Sohn bereits mit der 1. Mannschaft», sagt Kostas. Peter Zeidler finden die Familienmitglieder einen sehr guten Trainer, der Leonidas stark fördere.

Wegen des Fussballs gezügelt

«Hinter jedem Spieler steckt aber nicht nur ein guter Trainer, sondern auch Eltern, die sehr viel Zeit investieren», sagt einer der Onkel. Als Leonidas den Sprung vom FC Wattwil-Bunt zum FC Wil schaffte, chauffierte Kostas Stergiou seinen Sohn jeden Tag von Wattwil ins Training nach Wil, wartete dort und nahm ihn wieder mit nach Hause. «Ich fand das sehr schön, wenn Leonidas auf dem Heimweg vom Training erzählte.» Irgendwann wurde es der Familie aber zu viel und sie zügelte von Wattwil nach Wil gleich neben das Fussballstadion Bergholz. «So konnte er ins Training laufen», sagt Kostas.

Vom FC Wil wechselte Leonidas Stergiou später zu St.Gallen (zweiter von links, unten).

© zVg

Bereits nach einem Jahr in Wil konnte Leonidas zu den Junioren des FC St.Gallen und später in die erste Mannschaft wechseln – dort absolviert er nebst dem Training noch eine KV-Lehre beim FC St.Gallen. «Leonidas hat es sehr streng», sagt seine Mutter Dusica, «wir möchten, dass er sich jetzt, in der zweiwöchigen Weihnachtspause, entspannen kann.» Kostas ergänzt: «Er soll essen, trinken und ein bisschen zunehmen.»

«Leonidas möchte keine Pause»

Ginge es nach dem 17-jährigen Ausnahmetalent, würde es gar keine Pause geben. «Leonidas kam am Sonntag nach dem Spiel zu mir und meinte: Papa, am liebsten hätte ich nächste Woche wieder ein Spiel. Ich möchte nicht so lange warten.»

Kostas Stergiou nimmt einen Schluck aus seinem Weinglas und lächelt stolz. Die Siegesserie des FC St.Gallen, die Euphorie, die diese Mannschaft in der Hinrunde in der Region auslöste, ist auch im Toggenburger Familienbetrieb deutlich zu spüren und wird untermauert durch die optimistischen Worte des Onkels Nikos, der fröhlich verkündet: «Wird der FC St.Gallen dieses Jahr Schweizer Meister, werde ich ihnen hier im Restaurant einen Sechsgänger servieren!» Die Stergious lachen, erheben erneut ihre Gläser und versiegeln Nikos Versprechen mit einem lauten «Yamas!»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 16. Dezember 2019 06:11
aktualisiert: 16. Dezember 2019 07:24