Als Homosexueller in Katar

«Würde niemals die Hand meines Freundes halten»

Tobias Hotz, 8. Dezember 2022, 12:33 Uhr
Homosexualität ist in Katar illegal. Human Rights Watch hat vor der WM homosexuelle Personen vor einer Reise zur Fussball-Weltmeisterschaft gewarnt. Wir haben in Katar mit einem schwulen Mann gesprochen, der dennoch an die WM gereist ist.

Quelle: PilatusToday/Tobias Hotz

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«Ich hatte Zweifel, ob ich nach Katar reisen soll. Ich war nervös und hatte Angst.» Das sagt der 28-jährige Huido aus Argentinien. Ich treffe ihn per Zufall in der Villaggio Mall in Doha. Er trägt eine enge Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und ein Nasenpiercing. Seine blondierten Haare und sein Bart sind perfekt gestylt.

Huido war mit seiner Familie in der Villaggio Mall unterwegs.

© PilatusToday

Eine wildfremde Person nach ihrer sexuellen Orientierung zu fragen, empfinde ich eigentlich als übergriffig. Es geht mich nichts an. Die Neugier, mit einem schwulen Mann über seine Reise nach Katar zu sprechen, war jedoch grösser als meine Hemmungen. Schliesslich reiste Huido in ein Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht und ein offizieller WM-Botschafter in einer ZDF-Doku Homosexualität als «geistigen Schaden» bezeichnete.

Huido hatte kein Problem damit, dass ich ihn angesprochen habe. Er habe nach Katar reisen müssen, da er Teil der Familie eines argentinischen Spielers sei. Den Namen des Spielers möchte er nicht nennen. «Ich war nervös und hatte Angst.» Selbst über seine Kleidung machte er sich Gedanken. «Ich fragte mich, ob ich mich richtig anziehen werde oder sie erkennen, dass ich schwul bin.»

Freunde sorgen sich in der Heimat

Bisher habe er noch keine Probleme in Katar gehabt. Doch wenn er durch Doha geht, begleiten ihn ständig seine Gedanken und Ängste. Seine Freunde in Argentinien machen sich Sorgen. «Immer wenn ich ein Video oder Foto poste, schreiben sie mir, dass ich auf mich aufpassen soll.»

Auch Huidos Freund ist zu Hause in Argentinien. Auf die hypothetische Frage, ob er in Katar mit seinem Freund Händchenhalten würde, antwortet er entschieden mit Nein. «Ich wäre zu ängstlich. Ich würde niemals die Hand meines Freundes halten. Ich würde hier kein Zeichen von Liebe oder Zuneigung zu ihm zeigen.»

Kein Glaube an Veränderung

Die Fifa propagiert die Weltmeisterschaft ständig als Mittel zum Wandel. Daran glaubt Huido nicht. «Man darf ja nicht einmal ein kleines Symbol zeigen.» Es sei schrecklich, dass die Fifa selbst die «One-Love»-Binde verboten habe. Es sei nicht richtig, dass man in Katar kein Zeichen von Unterstützung in Richtung homosexueller Menschen machen könne, «weil schwule Menschen gibt es überall.»

In Katar nicht gern gesehen: Granit Xhaka mit der «One-Love»-Binde.

© zVg

Besonders erschüttert ist Huido darüber, dass es noch Länder auf dieser Welt gibt, in denen Homosexuellen noch die Todesstrafe droht. In Katar liegt das Strafmass laut «Equality Index» für «homosexuelle Aktivitäten» bei einer Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren. Muslimen droht gar die Todesstrafe. «Ich kann es einfach nicht verstehen, dass der Tod droht, nur weil man schwul ist. Ich hoffe, das ändert sich bald auf der ganzen Welt.»

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 8. Dezember 2022 12:17
aktualisiert: 8. Dezember 2022 12:33