«Übung abbrechen, Ende Feuer!»

Von Dario Cantieni
Selbst der grosse Bunsenbrenner nützte nicht mehr viel - die Idee mit den Briketts wird begraben.
Selbst der grosse Bunsenbrenner nützte nicht mehr viel - die Idee mit den Briketts wird begraben. © FM1Today / Dario Cantieni
Es war ein enttäuschender Morgen für Hans Jüstrich. Der Rebbaukommissär wäre lieber im Bett geblieben, als zu versuchen, die Reben in der Bündner Herrschaft zu wärmen. Die ganze Tragik in drei Akten.

Wie nervöse Glühwürmchen tanzen die Stirnlampen der drei Mannen durch die Nacht. 4.37 Uhr – wir befinden uns in einem Rebberg in Fläsch. Die Strassenlaternen von Maienfeld leuchten schwach hinüber – sind jedoch kein Vergleich zur Lichterpracht, die sich vor unseren Augen ausbreitet. In den letzten Minuten haben der Rebbaukommissär Hans Jüstrich und seine Helfer 300 Briketts-Haufen zwischen den Reben platziert und entzündet. Fein säuberlich in einem Abstand von circa zehn Metern.

1. Akt: Romantische Morgenstimmung

Noch ist alles in Ordnung. Die Stimmung gut, ein Grossteil des Rauches ist jener, der aus unseren Mündern in die Nacht entweicht. Die kleinen Feuer zwischen den Reben haben etwas Romantisches. Sie flackern in regelmässigen Abständen, als wollten sie die friedliche Morgenstimmung untermalen. Es riecht nach Feuer, nach Rauch, ein bisschen nach Cervelat. Hinter den Reben ragt die Bergspitze des Falknis in den Himmel – an dem ein fast perfekter, kreisrunder Mond zu sehen ist.

Mit Anzündwürfeln und Brennflüssigkeit haben die drei Männer eine Szenerie geschaffen, die nicht nur schön, sondern vor allem hilfreich sein soll. Damit die Triebe an den Reben bei Frost nicht erfrieren, muss man sie irgendwie warmhalten. Letztes Jahr wurde das mit Frostkerzen versucht (FM1Today berichtete), dieses Jahr muss man sich etwas Neues einfallen lassen. Denn die Frostkerzen gaben nicht genug Wärme ab. «Bei 300 Stück pro Hektar wurde es maximal ein halbes Grad wärmer, bei 600 war es ein Grad», so Rebbaukommissär Jüstrich. Darum die Idee mit den Briketts. Mit denen erhoffte man sich einen Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad. So weit, so gut.

Anfangs war noch alles in Ordnung: 300 brennende Bricketts und der Falknis, der über sie wacht (Bild: FM1Today / Dario Cantieni)

2. Akt: Die Ernüchterung

Nach der anfänglichen Euphorie schlägt die Stimmung jedoch bald um. Sorgenfalten ziehen sich über die Stirn, parallel wie die Reben über das Feld. Denn sobald Anzündwürfel und Brennflüssigkeit verbrannt sind, passiert nicht mehr viel mit den Briketts. Sie rauchen und qualmen vor sich hin und bald erinnert die Umgebung an ein schottisches Hochmoor, das von Nebelschwaden überzogen ist. Der Cervelat-Geruch wird stärker und allen Anwesenden ist klar: Ohne Dusche würde man bald so riechen, dass man durchaus selber den Job als Brikett übernehmen könnte. Doch es ist nicht die Zeit für Scherze. Immer mehr Feuer erlöschen und aus dem schönen Lichtermeer wird ein schwarzes Feld. Während Jüstrichs Helfer noch versuchen, ein paar Feuer neu zu entfachen, hat er bereits nicht mehr viel Hoffnung. «Du kannst doch nicht jedem Haufen nachrennen und ihn wieder neu anzünden. Im Ernstfall kann man gar nicht so viele Leute organisieren.»

3. Akt: Ein letztes Aufbäumen

Trotzdem: Die Männer lassen nichts unversucht, immerhin noch ein paar Briketts dauerhaft in Brand zu setzen. Sie halten mit dem grossen Bunsenbrenner drauf, versehen die Briketts nochmals mit neuen Anzündwürfeln und hoffen, dass ihnen der Wind wohlgesinnt ist. Sodass er die Glut am Leben erhält. Und tatsächlich, nach einer halben Stunde Dunkelheit glühen die ersten Briketts wieder auf. Kein Vergleich zum romantischen Lodern, wie es am Anfang der Fall war, aber mit der Glut keimt auch wieder etwas Hoffnung auf. Die der Rebbaukommissär Hans Jüstrich jedoch bald begraben muss. Die Briketts brauchen nicht nur zu lange, bis sie einigermassen Wärme abgeben, sie geben auch grundsätzlich zu wenig Wärme ab und machen das zudem zu wenig lang. Laut Jüstrich nämlich nur etwa 2,5 Stunden. Darum bricht er die Aktion ab. «So enttäuscht war ich noch nie bei einem Versuch. Ich hätte lieber geschlafen, als hier draussen so einen Versuch zu machen. Das ging ganz klar in die Hosen. Ende Feuer, Übung abgebrochen – ich habe keine Ideen mehr, was man noch versuchen könnte.»

Keine Ahnung, wie weiter

Unterdessen wird es langsam hell. Und man sieht, wie resigniert der Rebbaukommissär ist. Dass der Versuch nicht hingehauen hat, scheint ihn mit jeder Faser seines Körpers zu ärgern. Auch wenn er zwischendurch Spässe macht – «Nächstes Mal machen wir den Versuch am Nachmittag, dann können wir immerhin noch eine Cervelat über das Feuer halten» –, findet er auch ganz klare Worte. «Wir wollten herausfinden, was das Beste für die Weinbauern ist. Ich verstehe, dass diese nicht zu Hause vor dem Ofen hocken können, wenn es draussen kalt ist. Also wollten wir die beste Lösung finden… aber es gibt keine gute Lösung.» Weitere Versuche sind laut Jüstrich nicht geplant – er ist mit seinem Latein am Ende. Und empfiehlt den Weinbauern, entweder bei den Reben eine sogenannte Frostrute stehen zu lassen, die auch bei Frost immerhin noch ein bisschen Ertrag verspricht, oder dann eine Frost- und Hagelversicherung. Denn: «Was auch immer man hier verfeuern will, bringt wirklich nichts.»

 


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