Schnell abgelenkt

Hirnforscher warnt: Ohne Übung leidet Aufmerksamkeit

Fabiola Hostettler, 28. Dezember 2022, 10:11 Uhr
Sich für längere Zeit auf etwas konzentrieren und die Aufmerksamkeit bewusst auf eine Sache steuern, fällt uns immer schwerer. Die Ablenkungen werden täglich mehr, sie sind immer lauter und aufregender. Der Neurologe Jürg Kesselring empfiehlt, Konzentration früh zu üben.
Konzentration und Aufmerksamkeitspanne müssen trainiert werden.
© Pixabey
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Dank einer einfallsreichen Idee in der Verwandtschaft konnten sich wohl auch diese Weihnachten zahlreiche Menschen über ein neues Buch freuen. Doch sich hinsetzen, das neue Buch aufschlagen und dann konzentriert darin lesen, wird immer schwieriger. Denn in wahrscheinlich unmittelbarer Nähe ist unter anderem ein Handy, das einen schnell aus dem Bann eines Buchs reissen kann.

«Die Verführung der Ablenkungsmechanismen ist enorm gross», weiss Jürg Kesselring, Neurologe und Vorstandsmitglied von der Schweizerischen Hirnliga. Es sei wichtig, Ablenkungen bewusst zu steuern. «Das Grelle und Laute zieht die Aufmerksamkeit von dem, was man dran ist, weg – zu einem anderen Bereich. Es braucht eine gezielte Schulung, mit der man schon sehr früh beginnen muss.»

Gemäss dem Neurologen Jürg Kesselring sollte das Gehirn schon früh trainiert werden.

© zVg

«Man muss sich bewusst sein, dass man die Konzentration wirklich trainieren will.» Das sei alleine allerdings schwierig. «Darum ist es sehr gut, wenn man in einer Gruppe ist, die das auch möchte. Das kann beispielsweise in einer Schulklasse sein mit einer Lehrerin, die eine Vorbildfunktion hat und Ablenkungsmanöver steuert und kontrolliert.»

Informationen via Handy seien wertvoll, der freie Zugang aber tückisch

Das grosse Wissen, das dank des Handys und des Internets ständig zugänglich ist, würde laut Kesselring viele Vorteile bieten. «Es ist aber wichtig, eine bewusste Methode im Umgang damit zu kennen.» Suche jemand schnell nach einem Begriff, sei der direkte Zugriff für die Person nützlich. «Aber wo ich dagegen bin, ist, dass man eigene Leistungen vom Gehirn ans Handy delegiert.»

«Google Translate» würde das Lernen einer Sprache nicht ersetzen, sagt der Neurologe, es sei gar eine Gefahr. «Das ergibt eine Abhängigkeit und man hat selber nichts mehr zu bieten, wenn man zum Beispiel nicht mit dem Hilfsmittel unterwegs ist.»

Social Media habe einen negativen Einfluss

Ein Mobiltelefon liegt heute praktisch jeder Person in den Händen, es herrschen grosse Diskussionen über verschiedene Problematiken vor. Wegen möglicher Auswirkungen der Strahlen habe der Neurologe keine Bedenken. «Doch wenn ich lese, dass Jugendliche sieben Stunden am Handy verbringen, auch an Tagen, an denen sie zur Schule gehen, dann ist mir klar, dass diese Ablenkung einfach zu viel ist», so Kesselring. Es sei eine zu grosse Belastung neben dem Schulstoff, den die Jungen eigentlich lernen sollten.

Auch das ständige Betrachten von sich selbst oder den Freundeskreis via Social Media sieht Kesselring kritisch. Die Plattformen würden eine starke Ablenkung bieten, weswegen sich Jugendliche nicht auf Wissenserwerb konzentrieren könnten.

Das Gehirn sei nicht einfach so ein Pudding zwischen den Ohren, sagt Kesselring. «Es ist ein Wunderwerk. Wir sollten das dankend annehmen und dazu Sorge tragen. Und das heisst auch, dass man es auch nicht zu sehr verschmutzt.»

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 28. Dezember 2022 17:57
aktualisiert: 28. Dezember 2022 17:57
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