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Coronavirus

Weil sich auch Geimpfte anstecken können: Gastrosuisse fordert Verzicht auf Covid-Zertifikat

Nina Fargahi / CH Media, 9. August 2021, 08:16 Uhr
Casimir Platzer, der Präsident von Gastrosuisse, wehrt sich gegen den Einsatz des Covid-Zertifikats. Weil sich auch Geimpfte anstecken können, sei der Impfausweis hinfällig, sagt der oberste Beizer des Landes.
Casimir Platzer, Präsident Gastrosuisse, hält nicht viel vom Covid-Zertifikat.
© Keystone

Er hat manch einen vor den Kopf gestossen. Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder hat sich im «SonntagsBlick» für eine Zertifikatspflicht ausgesprochen für Veranstaltungen, Restaurants und Fitnesscenter. Ausserdem sollten Selbsttests nicht mehr gratis sein, so Mäder. In gewissen Arbeitsverhältnissen müsse auch geprüft werden, ob die Arbeitgeber die Impfung vorschreiben sollten, insbesondere in Alters- und Pflegeheimen. Für Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer sind diese Aussagen nicht nachvollziehbar: «Ich finde es schade, dass der Wirtschaftsdachverband die direkt betroffenen Branchenverbände nicht konsultiert, bevor er solche Forderungen stellt.»

Der Verband Hotelleriesuisse, der zu Economiesuisse gehört, bestätigt: Die Forderungen von Mäder waren nicht abgesprochen. Denn Hotelleriesuisse sieht die Sache anders: «Wir lehnen eine Zertifikatspflicht grundsätzlich ab», sagt Patric Schönberg von Hotelleriesuisse. Den Einsatz des Covid-Zertifikates finde man an bestimmten Orten zwar sinnvoll und angebracht, aber jedes Hotel entscheide selbst, wie es damit umgehen wolle. Platzer ist überzeugt: Man dürfe einen Grossteil der Bevölkerung nicht vom gesellschaftlichen Leben ausschliessen: «Die Forderung nach einer Zertifikatspflicht in Restaurants führt auf Umwegen zu einer faktischen Impfpflicht, und das ist aus meiner Sicht höchst problematisch.»

Kafi oder Glas Wein gehört zum Alltag

In diesem Land würden die Beizen jeden Tag rund 2,5 Millionen Gäste empfangen. «Ein Kafi oder ein Glas Wein gehört für viele zum Alltag. Wenn man sich hierfür jedes Mal testen lassen muss, reichen die Testkapazitäten nicht aus.» Und: «Das Covid-Zertifikat lässt die Leute in einer falschen Sicherheit wiegen.» Denn auch Geimpfte könnten ansteckend sein und das Virus weiterverbreiten. Ein getesteter Ungeimpfter könnte sogar sicherer als ein ungetesteter Geimpfter sein. Wenn man die Wirkung des Covid-Zertifikats genauer analysiere, dann müsste man eigentlich auf den Einsatz verzichten. Denn es komme offensichtlich auch zu Ansteckungen dort, wo das Zertifikat verwendet werde.

«Wichtig scheint mir, dass sich die Impfwilligen impfen können, aber dieser Stand sollte nun bald erreicht sein.» Danach müsste man in die Normalisierungsphase zurückkehren. «Das hat der Bundesrat mit seinem Drei-Phasen-Modell im Mai angekündigt», so Platzer. Weil die meisten Risikogruppen mittlerweile durch die Impfung geschützt seien, sei die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens deutlich tiefer als im Frühjahr. «Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, und zwar so, dass allen in der Bevölkerung ein möglichst normaler Alltag gewährt werden kann», sagt der oberste Beizer.

Zwang und Ausschluss sind keine gute Strategie

Auch eine verhaltensökonomische Sichtweise legitimiert die Vorschläge des Economiesuisse-­Präsidenten Mäder nicht. So sagt der Verhaltensökonom Gilles Chatelain: Ein zentraler Aspekt von verhaltensökonomischen Strategien sei, dass Personen, die sich gegen eine erwünschte Handlung entscheiden – zum Beispiel aufhören zu rauchen –, keine persönlichen Nachteile erfahren dürfen. «Ich kann jemanden mit verhaltensökonomischen Massnahmen versuchen, zu einer Impfung zu motivieren.

Spricht sich die Person jedoch dagegen aus, darf sie dadurch nicht direkt benachteiligt werden», sagt Chatelain. Eine Diskriminierung von Nicht-Geimpften entspreche nicht den Grundsätzen der Verhaltensökonomie. So sagte auch Michael Jordi von der Gesundheitsdirektorenkonferenz kürzlich zu CH Media, dass man mit Expertinnen und Experten auf der Suche nach Ideen für niederschwellige Anreize sei, um die Menschen zur Impfung zu bewegen.»

Nina Fargahi / CH Media
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 9. August 2021 08:20
aktualisiert: 9. August 2021 08:16