Appenzeller baut Prothesen in Indien

Marc Sieger, 31. Juli 2019, 10:23 Uhr
Der Appenzeller Simon Koller verbrachte die vergangenen sechs Monate in Indien. Dort hat der 21-Jährige Prothesen hergestellt für Kinder und Erwachsene, die Arme oder Beine verloren haben. Dabei kam er an seine Grenzen, erlebte traurige, aber auch schöne Geschichten.

Simon Koller steht im Garten seines Elternhauses in Appenzell und geniesst die Ruhe. «Es ist so still hier. In Indien hat es überall Menschen und es ist alles extrem chaotisch». Seit zehn Tagen weilt der 21-jährige wieder in der Schweiz. Die vergangenen sechs Monaten hat er in Indien verbracht, genauer in der Stadt Varanasi im Norden des Landes. Dort hat der junge Appenzeller Prothesen hergestellt, für Erwachsene und vor allem für Kinder, die Gliedmassen verloren hatten.

«Habe ziemlichen Kulturschock erlebt»

Der junge Orthopädist, wie der Beruf des Prothesenbauers genannt wird, hat sein Handwerk in St.Gallen gelernt. Nach der Lehre habe er den Zivildienst absolvieren müssen. Dabei sei er zur Organisation «Kiran Society» gelangt, die in armen Ländern Prothesen für Verwundete herstellt. «Das war wie für mich gemacht. Ich wollte etwas Sinnvolles tun und mich hat der Gedanke gereizt, in ein vollkommen fremdes Land zu gehen», erzählt Koller.

Der junge Appenzeller spricht ruhig, beinahe scheu. Aufgewachsen im Appenzellerland mit seiner spärlichen Besiedlung, war das übervölkerte Indien etwas völlig Neues für den jungen Ostschweizer. «Alls ich angekommen bin, habe ich einen ziemlichen Kulturschock erlebt», erzählt Koller und schmunzelt dabei.

 

Simon Koller Patienten waren oft schwer verwundet und hatten teils mehrere Gliedmassen verloren.
Simon Koller Patienten waren oft schwer verwundet und hatten teils mehrere Gliedmassen verloren.
© Simon Koller

«Behinderte werden oft ausgegrenzt»

Weniger zum Schmunzeln: die weit verbereitete Armut in Indien. Besonders hart trifft es Leute, die bei Unfällen Gliedmassen verlieren. «Nicht nur wegen der körperlichen Beeinträchtigung - in Indien gelten Behinderte oftmals als weniger wert und werden ausgegrenzt», erzählt Koller. Die Betroffenen könnten sich oft keine gute Prothese leisten. Zwar würde die indische Regierung solche zur Verfügung stellen, diese seien jedoch meistens von schlechter Qualität und nur «etwas Metall und Plastik», wie Koller sagt.

«Mussten oft improvisieren, haben's aber immer geschafft»

Hier springt die «Kiran Society», für die der junge Appenzeller gearbeitet hat, in die Bresche. Die Organisation stellt hochwertige Prothesen, beispielsweise aus Karbon, her und passt diese individuell an die Patienten an. Der Preis, den die Patienten für die Prothesen zahlen, berechnet sich nach ihrem Einkommen. So sollen die künstlichen Gliedmassen für Patienten mit wenig Geld erschwinglich sein.

Die Arbeit sei nicht immer einfach gewesen, sagt Koller. «In Indien hat man nicht - wie in der Schweiz - immer alle Materialien oder Werkzeug zur Verfügung und muss improvisieren. Wir haben es aber immer geschafft», sagt der 21-jährige Prothesenbauer sichtlich stolz.

«Ich konnte ein Leben etwas besser machen»

Stolz ist er auf seine Arbeit, auch weil er anderen helfen konnte. «Wenn man sieht, wie ein Kind plötzlich wieder laufen kann und glücklich ist, ist das sehr schön.» Gerade, dass es Leute geschafft hätten, sich dank einer Prothese wieder in die Gesellschaft einzugliedern, habe ihn glücklich gemacht, sagt Koller.

Mitarbeiter von Kiran stellen eine Prothese her.
Mitarbeiter von Kiran stellen eine Prothese her.
© zVg

Allerdings hat er auch viele tragische Schicksale miterlebt. Besonders der Fall eines vierjährigen Mädchens ist ihm in Erinnerung geblieben. Das Mädchen habe ein Bein verloren als die Mutter mit dem Kind auf dem Arm ein Gleis habe überqueren wollen. Ein Zug habe die beiden erfasst, erzählt Koller. Die Mutter sei sofort tot gewesen, dem Mädchen habe am Oberschenkel das Bein amputiert werden müssen. Der junge Appenzeller fertigte eine Prothese für das Mädchen an. «Schliesslich konnte sie wieder gehen. Ich konnte ihr Leben etwas besser machen.» Der junge Appenzeller lächelt wieder scheu, beinahe verlegen.

Seit Mitte Juli ist Simon Koller zurück in die Schweiz. Hier will der gelernte Orthopädist zunächst die Berufsmaturitätsschule absolvieren. Was dann auf ihn zukomme, wisse er noch nicht so genau. Aber eines sei klar: «Ich würde gerne wieder nach Indien, und mit Prothesen anderen Leuten helfen.»

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Quelle: TVO

Marc Sieger
Quelle: mas
veröffentlicht: 31. Juli 2019 06:53
aktualisiert: 31. Juli 2019 10:23