Doppelmord auf dem Säntis

«Das ist ein Teil der Geschichte, den wir nicht ausblenden können»

22. Februar 2022, 08:03 Uhr
Am 21. Februar 1922 – also genau vor 100 Jahren – wird das Wetterwarte-Paar Heinrich und Magdalena Haas ermordet. Eine Geschichte, die bis heute nicht ganz aufgeklärt ist und die Menschen bewegt. TVO blickt zurück und zeigt, was man inzwischen dank der Arbeit eines Innerrhoder Historikers weiss.
Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: tvo

Der Mord des Wetterwart-Paares auf dem Säntis, am  21. Februar 1922, gibt auch noch heute – hundert Jahre später – zu reden. Maria Magdalena Haas und ihr Ehemann Heinrich wurden wohl Opfer eines Mordes.

Der Innerrhoder Historiker Achilles Weishaupt hat den Vorfall aufgearbeitet. Vor wenigen Tagen ist sein Buch im Appenzeller Verlag erschienen. Weishaupts Nachforschungen bringen zwar mehr Licht ins Dunkel, restlos klären lässt sich der Fall aber noch immer nicht.

Technischer Defekt vermutet

Als am 21. Februar 1922 die täglichen Wetterdaten vom Säntisgipfel ausblieben, ahnte man im Telegrafenbüro in St.Gallen zunächst nichts von der Tragödie. Eine defekte Leitung am Fusse der Meglisalpwand wurde als Ursache vermutet.

Säntisträger Josef Anton Rusch machte sich gemeinsam mit seinem Sohn auf den Weg, die defekte Leitung zu reparieren. An der hohen Felswand hinter dem Seealpsee angekommen, fanden sie nichts. Da von dieser Alp aus die restliche Leitung unterirdisch verlief, vermuteten sie, dass die Leitung oberhalb des ersten Trägers beschädigt sein müsse. Wegen des schlechten Wetters war der Weg über die Schrennen erst am 25. Februar zu bewältigen. Doch traf man an diesem Tag die vermeintliche Bruchstelle ebenfalls unversehrt vor.

Keine Begrüssung, kein Kaminrauch

Rusch und sein Sohn machten sich gemeinsam mit dem Meglisalpwirt auf den Weg zum Säntis. Als sie sich dem Gipfel näherten, bemerkten sie, dass kein Rauch aus dem Kamin der Wetterwarte stieg. Auch kam ihnen ausnahmsweise kein winkender Heinrich Haas entgegen. Die Männer betraten das Haus und erblickten die Leiche von Maria Magdalena Haas. Den Körper ihres Mannes fanden sie, gut 23 Meter vom Haus entfernt, im Schnee.

Wie sich später herausstellen sollte, wurden die beiden mit deformierter Munition erschossen. Dessen Verwendung war eigentlich illegal und wirkte im Körper wie eine explodierende Granate. Maria Magdalena wurde im linken Oberkörper und Heinrich in den Rücken getroffen.

Verhängnisvoller Feriengast

Seit dem 16. Februar hatte sich auf der Wetterwarte der bankrotte Schustergeselle Gregor Anton Kreuzpointner aufgehalten. Er soll Heinrich Haas um finanzielle Unterstützung ersucht haben. Kreuzpointner wollte wohl ein Geschäft übernehmen und brauchte für dessen Kauf Geld. Zeugenaussagen belegen seine Anwesenheit in der Wetterwarte.

Kreuzpointners Tat dürfte aus Frust geschehen sein. Vielleicht wollte ihm Heinrich Haas kein Geld geben, vielleicht wurde ihm eine saftige Rechnung für seinen Aufenthalt in der Warte vorgelegt. Vielleicht wollte er sich aber auch nur rächen, weil er Haas für sein Leid verantwortlich machte. Schliesslich wurde Heinrich Haas Kreuzpointner bei der Wahl zum Wetterwart vorgezogen.

Internationale Fahndung nach Kreuzpointner 

Einen Tag nach dem Fund wurden die Tatorte besichtigt und die Leichen ins Tal transportiert. Noch am gleichen Tag wurde die Fahndung nach dem verdächtigen Gregor Anton Kreuzpointner  eingeleitet. Ab dem folgenden Tag waren offizielle Fahndungsblätter an Polizeidienststellen ausgehängt und sogar an europäische Hafenstädte versandt.

Dabei hielt sich Kreuzpointner nicht im Ausland auf, sondern in der Stadt St.Gallen und im Ausserrhoder Mittel- und Vorderland. In Rheineck und Heiden führte er gar Gespräche zur Übernahme eines Geschäfts. Letztlich scheiterte er aber an den Finanzen. In der Stadt verhökerte er auf dem Säntis gestohlene Wertsachen. Kreuzpointner dürfte schlussendlich wohl keinen Ausweg mehr gesehen haben, weshalb er sich am 4. März das Leben nahm.

Seiner Freundin hinterliess er einen Abschiedsbrief, darin fanden sich jedoch keine Entschuldigung oder Hinweise auf sein Motiv. «Hoffentlich ist alles in Ordnung wieder. Die schönen Stunden, welche wir in den Bergen verbrachten, sollen dier in Erinnerung bleiben. Recht kräftigen Gruss. Schorsch.»

Zum Gedenken an den brutalen Mord findet am Samstag, 26. Februar, um 14 Uhr auf dem Säntisgipfel im Churfirstenblick in der 4. Etage ein Vortrag von Achilles Weishaupt statt. Der Zugang ist für alle Säntis-Besucher kostenlos und es müssen keine Plätze reserviert werden.

(mle)

Quelle: TVO
veröffentlicht: 21. Februar 2022 16:04
aktualisiert: 22. Februar 2022 08:03
Anzeige