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Rheintal/Appenzellerland

«Normalerweise sind Einzelwölfe nur kurz an einem Ort»

23. November 2020, 16:01 Uhr
Wölfe haben im St.Galler Rheintal und Appenzellerland in den letzten Wochen mehrere Schafe und eine Ziege gerissen. Nun sollen Schafhalter ihre Tiere über Nacht einstallen.
Unter anderem durch Eichberg spazierte in den letzten Tagen ein Wolf.
© Karoline Motzer

Im St.Galler Rheintal und den angrenzenden Gebieten in beiden Appenzell wurden seit 28. Oktober elf Schafe und eine Ziege von Wölfen getötet, fünf weitere Schafe wurden verletzt. Die St.Galler Staatskanzlei geht davon aus, dass aktuell zwei oder sogar drei Wölfe im Gebiet unterwegs sind.

Mehrere Sichtungen

Teilweise zeitgleich seien Wölfe sowie Risse in den Gemeinden Altstätten, St.Margrethen, Oberriet, Grabs, Walzenhausen, Wolfhalden, Schachen Reute, Speicher, Urnäsch und Oberegg gesichtet worden.

Hier spaziert ein Wolf durch Speicher:

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Quelle: Patrizia Sonderegger

Die Schafhalter wurden durch die kantonalen Fachstellen über die Präsenz der Wölfe informiert. Die Wildhüter haben DNA-Proben an den Rissen entnommen.

«Herdenschutz mit Elektrozaun»

«Um weitere Schäden an Schafen zu reduzieren, ist ein ausreichender Herdenschutz auf der Weide mit Elektrozaun wichtig», teilt der Kanton St.Gallen mit. Schafe sollen, wenn möglich, nachts eingestallt werden. «Es gab schon Risse während des Tages», sagt Dominik Thiel, Leiter des Amts für Natur, Jagd und Fischerei. Mehrheitlich seien die Wölfe aber nachts unterwegs.

Speziell an den Fällen der letzten Woche sei die Dauer der Präsenz der Wölfe. «Normalerweise sind Wölfe, die ausserhalb eines Rudels unterwegs sind, nur kurz an einem Ort. Diese Wölfe sind schon rund einen Monat im gleichen Gebiet unterwegs.» 

Dass die Einzeltiere dabei nahe an Siedlungsgebiet kommen, sei bereits öfters vorgekommen. «Wir können jedes Jahr Jungtiere in der Nähe von besiedeltem Gebiet nachweisen. Wir gehen davon aus, dass es sich in den Fällen im Rheintal und Appenzellerland um junge Männchen handelt, die am Durchwandern sind.»

Wölfe werden zum Problem, wenn sie Angst vor Menschen verlieren

Dass derzeit viele Menschen die Wölfe zu Gesicht bekommen, deute darauf hin, dass die Einzelwölfe nicht so schüchtern sind.  «Was wir in den Videos und Fotos von Augenzeugen sehen, zeigt uns, dass der Wolf wenig Angst vor den Menschen hat.» Dies deute wiederum darauf hin, dass die Wölfe von einem Rudel stammen, gegen das es noch keine Abschussbewilligung gab oder gibt. «Wenn Wölfe sich zu sehr an die Menschen gewöhnen, werden, wie beispielsweise im Taminatal, teilweise Abschussbewilligungen erteilt, dadurch werden Jungwölfe eines Rudels wieder schüchtern», sagt Thiel.

Zum Abschuss freigegeben werden Wölfe aber erst ab einer gewissen Anzahl gerissener Schafe und wenn sie in Form eines Rudels gefährlich werden für die Menschen. 

Wölfe dürfen nicht gefüttert werden

Angst vor Angriffen müssten Menschen nicht haben: «Es gibt zwei Verhaltensweisen, die uns bei den Wölfen auffallen. Entweder sie haben Angst und laufen davon oder Menschen sind ihnen gleichgültig und sie ignorieren sie.» Gefährlich werde es erst, wenn die Menschen beginnen, die Wölfe zu füttern. Dadurch könnten sie sich in Gebieten ansiedeln.

Wölfe könnten bald weiterziehen

Dass die Wölfe im Rheintal und Appenzellerland noch lange durch die Wälder streifen, glaubt Dominik Thiel nicht: «Wir gehen davon aus, dass die Wölfe weiterziehen und kein Rudel bilden, aber auschliessen können wir es natürlich nicht.» 

Die neuesten Ereignisse zeigen gemäss Kanton, «dass mit der steigenden Wolfspopulation in ganz Mitteleuropa auch mit mehr durchziehenden Einzeltieren zu rechnen ist». Solche Einzelwölfe könnten zu jeder Jahreszeit nachgewiesen werden, auch im Winter.

Über Beobachtungen der Bevölkerung ist das Amt für Jagd, Natur und Fischerei übrigens immer froh. Gemäss Dominik Thiel sind die Behörden auf Beobachtungen angewiesen. Durch eine Verdichtung von Hinweisen, können Wolfspräsenzen entdeckt und analysiert werden.

Noch keine Identifizierung von Wölfen im Sarganserland

Zu den Wolfsrissen im Sarganserland, FM1Today berichtete, gibt es keine abschliessende Identifizierung. «Die DNA-Proben konnten keinen Wölfen zugeordnet werden», sagt Thiel. Die Behörden wissen zwar mit Sicherheit, dass Wölfe die rund 50 Schafe im Sommer auf verschiedenen Alpen gerissen haben, aber nicht, ob es sich dabei um das Wolfspaar handelt, das seit rund zwei Jahren in der Region unterwegs ist.

(red/abl)

Quelle: Kanton SG
veröffentlicht: 23. November 2020 12:40
aktualisiert: 23. November 2020 16:01