«So eine Wahl ist doch eine Farce»

Raphael Rohner, 9. April 2018, 14:16 Uhr
Lokalpolitik ist nicht mehr attraktiv.
Lokalpolitik ist nicht mehr attraktiv.
© Keystone/Ennio Leanza
In der Gemeinde Bühler waren am Wochenende Wahlen. Das scheint aber im Dorf niemand mitbekommen zu haben. Weniger als zehn Prozent der Wahlberechtigen gingen an die Urne. Ein Politexperte nimmt Lokalpolitiker in die Pflicht.

In der Ausserrhoder Gemeinde Bühler wurde ein Mandat im Gemeinderat frei und man suchte jemanden für dieses Amt. Von spannenden Kampfwahlen um einen Sitz im Gemeinderat kann nicht mehr geredet werden: Von 1049 Wahlberechtigten haben gerade einmal 97 einen Wahlzettel eingeworfen. Davon waren 37 Wahlzettel leer oder ungültig. Macht 60 gültige Wahlzettel. Ein Witz, findet der Ostschweizer Politexperte Reto Antenen: «So eine Wahl ist doch eine Farce. Eine Wahlbeteiligung von unter zehn Prozent ist schon recht selten. Wenn dann noch ein Drittel der Wahlzettel leer sind, müssen sich die Politiker schon fragen, warum dem so ist.»

«Man ist nicht mehr bereit, seine Freizeit zu opfern»

Niemand aus der Lokalpolitik stellte sich zur Wahl. Kein Wunder, sagt die Gemeindepräsidentin von Bühler, Inge Schmid: «So ein Mandat ist mit Arbeit verbunden. Man will sich nicht mehr für so etwas verpflichten und seine Freizeit für die Allgemeinheit opfern.» Das miese Wahlresultat enttäuscht die SVP-Politikerin: «Es ist unheimlich schade, dass die Leute sich nicht mehr für Politik interessieren.» Auch sei der Zeitpunkt für Kommunalwahlen im Kanton nicht optimal: «Wir hätten es lieber, wenn solche Abstimmungen mit eidgenössische Wahlen verbunden würden - dann würden auch mehr Stimmen eingehen», so Schmid.

Interesse muss beim Nachwuchs geweckt werden

Für den Politexperten Antenen müssen die lokalen Parteien ihre Hausaufgaben besser machen: «Offensichtlich interessiert sich niemand für den Gemeinderat. Die Parteien müssen ihren Nachwuchs aufbauen und fördern, sonst wird das nichts.» Genau das plant die Gemeindepräsidentenkonferenz des Kantons Appenzell Ausserrhoden in Zukunft. Sie bietet seit einiger Zeit spezielle Kurse für frisch gewählte Räte an: «Die Leute sollen nicht im Regen stehen, wenn sie gewählt werden. Wir führen die Leute in die Arbeit ein und stehen ihnen bei», sagt Inge Schmid. Die ersten solche Kurse waren bis auf den letzten Platz ausgebucht.

Der leere Platz im Gemeinderat von Bühler bleibt nun vorerst leer. Im Gemeinderat will man nun prüfen, ob man erneut eine Abstimmung machen soll, oder ob man wartet bis zur Gesamterneuerungswahl in einem Jahr: «Sonst müssen dann die anderen Gemeinderäte halt die Arbeit machen», sagt Schmid.

(rar)

Raphael Rohner
veröffentlicht: 9. April 2018 13:37
aktualisiert: 9. April 2018 14:16