Coronavirus

Dargebotene Hand: «Wir warten auf die grosse Welle von Anrufen»

Dario Brazerol, 24. März 2020, 17:11 Uhr
Viele der freiwilligen Mitarbeiter der Dargebotenen Hand sind selbst Teil der Risikogruppe.
© Keystone/Gaetano Bally
In der Coronakrise hat jeder mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen. Auch die Dargebotene Hand, das Sorgentelefon, muss lernen, mit der neuen Situation umzugehen.

Angst, Einsamkeit, Isolation – physisch und psychisch. Die Corona-Notlage fordert ihren Tribut vor allem auch bei solchen, die bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Während die Bevölkerung aktiv dazu aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben, gibt es Personen, die sich die Isolation selbst auferlegt haben. Für all jene ist das Sorgentelefon, die Dargebotene Hand, eine der ersten Anlaufstellen.

Corona-Anrufe separat erfasst

«Es ist gemäss Statistik bekannt, dass ein Fünftel der Anrufenden auch abseits der Corona-Krise mit einer psychischen Belastung zu kämpfen hat und andere über ein kleineres soziales Umfeld verfügen», sagt Judith Eisenring, Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein. Zum Thema Corona seien in den letzten Wochen viele Anfragen eingegangen. «Die Leute haben das Bedürfnis, darüber zu reden, beispielsweise auch über Sorgen rund um eine Infektion.» Die Ängste bezüglich der Corona-Thematik werden bei der Dargebotenen Hand deshalb seit dem 5. März separat erfasst. Gesamtschweizerisch sind seither rund 2000 Anrufe zum Thema Coronavirus eingegangen, in der Ostschweiz knapp 250.

Für Leute, die schon vor der Corona-Krise mit Einsamkeit zu kämpfen hatten, könne sich die neue Situation auf zwei Arten auswirken: «Entweder sie haben jetzt noch viel mehr Angst als vorher. Oder sie fühlen sich vielleicht das erste Mal richtig verstanden. Auch verspüren sie weniger Druck, gesellschaftsfähig sein zu müssen.» Ein grosses Problem sieht Judith Eisenring nicht nur bei den Einsamen, sondern auch bei den Paaren: «Wir rechnen damit, dass es mehr häusliche Gewalt geben wird. Eine Paarbeziehung ist aktuell mehr belastet, auch bei älteren Leuten. Für solche Probleme müssen wir bereit sein.»

Judith Eisenring, Leiterin Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein «Die Dargebotene Hand»
© ostschweiz.143.ch

«Sitzen im gleichen Boot wie das Gesundheitswesen»

Bis jetzt können die Mitarbeiter des Sorgentelefons die Anrufe noch stemmen. Doch: «Das ist meine grösste Sorge. Wir sitzen im gleichen Boot wie das Gesundheitswesen», sagt Judith Eisenring. Aktuell arbeiten rund 60 Freiwillige bei der Dargebotenen Hand Ostschweiz. Nicht wenige von ihnen gehören zur Risikogruppe. So könnten aufgrund von Ausfällen auch bei der Dargebotenen Hand Engpässe entstehen. Und dies zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. «Wir warten erst noch auf die grosse Welle von Anrufen.» Allerdings kann nicht jeder die Anrufe beim Sorgentelefon entgegennehmen. Die freiwilligen Mitarbeiter durchlaufen ein Selektionsverfahren und einen sechsmonatigen Ausbildungskurs. Auch hier passt sich das Sorgentelefon den Umständen an und schult seine Mitarbeiter erstmals per Video.

Allgemein müsse sich die Bevölkerung vermehrt den aktuellen Gegebenheiten anpassen, sagt Judith Eisenring: «Alles ist anders, was aber auch viel Neues möglich macht. Die Kreativität von uns allen ist gefordert und man muss sich auch an das Nichts-tun gewöhnen.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 25. März 2020 05:23
aktualisiert: 24. März 2020 17:11