Spitzguuge

Das Cup-Dilemma des FC St.Gallen

Dominic Ledergerber, 12. April 2021, 16:38 Uhr
FCSG-Trainer Peter Zeidler zeigt sich enttäuscht nach der 0:2-Auswärtsniederlage der Espen am Sonntag in Bern.
© Tagblatt (Archiv)
Erster Cupfinal seit 1998, erste Barrage seit 2008? Beides kommt für den FC St.Gallen in erschreckender Geschwindigkeit näher. «Trainer Peter Zeidler muss Prioritäten setzen, die seinem Boss widerstreben könnten», schreibt Sportjournalist Dominic Ledergerber über das Cup-Dilemma der Espen.

Es waren gewiss keine Krokodilstränen, die Matthias Hüppi am vergangenen Donnerstag vergoss. Nach dem Tor zum 3:1 im Cup-Achtelfinal gegen YB brachen beim Präsidenten des FC St.Gallen die Emotionen hervor. Er, der dem Verwaltungsrat der Espen seit Januar 2018 vorsteht, den Club in ruhigere Gewässer und zur Vizemeisterschaft führte, möchte unbedingt einen Titel holen: Für die Region, die den FC St.Gallen auch während der Pandemie und trotz sportlicher Baisse nie im Stich liess.

Die Meisterschaft, das ist auch Hüppi klar, ist ausser Reichweite. Selbst wenn – wie in der vergangenen Saison – vieles zusammenpasst, wird es mit dem derzeitigen Budget wohl kaum möglich, in die Phalanx der Grossen einzudringen.

Anders sieht es jedoch im Schweizer Cup aus. Da ist ein Titel durchaus möglich, auch für den FCSG. Mit einem Sieg am Mittwoch auswärts gegen Challenge-League-Leader GC stünden die Espen bereits in den Halbfinals, es trennte sie dann nur noch ein Sieg vom ersten Cupfinal seit 1998 (5:6 nach Penaltyschiessen gegen Lausanne).

Die Meisterschaft muss wichtiger sein

Hüppis Sehnsucht nach einem Titel dürfte wohl auch Trainer Peter Zeidler beeinflusst haben, als er vor dem Cupfinal gegen die Young Boys vom «wichtigsten Spiel des Jahres» sprach. Dabei darf der einstige Französischlehrer aus Schwäbisch Gmünd die Meisterschaft nicht ausser Acht lassen. Und da liegt aktuell vieles im Argen.

Die 0:2-Auswärtsniederlage der Espen am Sonntag in Bern war bereits das sechste sieglose Meisterschaftsspiel in Folge, nach der Renaissance von Aufsteiger Vaduz liegt Zeidlers Mannschaft nur noch einen Punkt vor dem Barrage-Platz. An die Barrage selbst hat der FC St.Gallen nur allzu schlechte Erinnerungen, stieg er 2008 doch bei der Espenmoos-Dernière gegen Bellinzona ab.

Natürlich werden auch Trainer an der «Silberware» gemessen. Für den FC St.Gallen muss die Meisterschaft aber dennoch Priorität haben, ein Abstieg wäre gerade jetzt inmitten der Pandemie kaum verkraftbar.

Schont Zeidler seine Stars?

So gesehen muss Peter Zeidler womöglich Prioritäten setzen, die seinem Boss Hüppi widerstreben könnten. Wenn der FC St.Gallen am Mittwoch bei den Grasshoppers den Cup-Viertelfinal bestreitet, müsste er Stars wie Stergiou, Görtler oder Adamu eigentlich schonen, um für das kapitale Heimspiel am Samstag gegen Tabellennachbar Luzern keine Risiken einzugehen.

Der FC St.Gallen steckt in einem Cup-Dilemma, das vor nicht einmal fünf Jahren schon dem FC Zürich zum Verhängnis wurde: Es war im frühen Sommer 2016, als der FCZ den bitteren Abstieg aus der Super League hinnehmen musste, um sich nur wenige Tage danach als Cupsieger feiern zu lassen.

Klar, der FCSG ist noch nicht in akuter Abstiegsnot, es gibt keinen Grund, schwarzzumalen. Doch wenn die Espen alles den Emotionen eines Cupsiegs unterordnen, konterkarieren sie damit auch ihre wirtschaftliche Basis. Denn bricht dem FC St.Gallen neben den Zuschauereinnahmen auch noch ein grosser Anteil der TV-Gelder weg, ist das wohl sein finanzieller Ruin.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. April 2021 16:46
aktualisiert: 12. April 2021 16:38