Der geheime Brunnen unter dem Kloster

Raphael Rohner, 12. Dezember 2016, 08:58 Uhr
In unserem speziellen Adventskalender, bei dem wir Türen öffnen, hinter die man eigentlich nicht – oder nicht mehr – schauen kann, nehmen wir heute das Kloster St.Gallen unter die Lupe. Tief unter dem Klosterkomplex befindet sich ein Netzwerk aus Gängen und Kammern. Unter anderem findet sich auch ein alter Geheimbrunnen unter dem Kloster. Wir haben ihn aufgespürt.

«Das Kloster St.Gallen birgt noch so manches Geheimnis in seinen alten Mauern», sagt der Mesmer der St.Galler Kathedrale Roman Huber. Er arbeitet täglich in der Kathedrale des Klosters. Huber kennt jeden Winkel des über 1200-jährigen Klosters. In der Bevölkerung halten sich seit jeher Gerüchte über geheimnisvolle Orte im Kloster. Unter anderem über geheime Gänge unter dem Kloster und einen verschwundenen Brunnen tief unter der Kathedrale.

Geheimes soll geheim bleiben - mit Ausnahmen

Roman Huber lacht erstmal herzlich, als wir ihn fragen, was es mit den geheimen Gängen und dem Brunnen auf sich hat. Dann wird er still und blickt ernst durch seine Brille: «Gewisse Dinge sind tatsächlich so, wie sie sagen.» Wir stehen in der Sakristei zwischen den beiden Türmen. Hier werden die Gottesdienste vorbereitet und gelegentlich über Geheimes gesprochen: «Manche Dinge müssen in diesen Wänden bleiben, aber die Gänge und den Brunnen können wir ausnahmsweise erkunden gehen», sagt Huber geheimnisvoll.

Unter der unsichtbaren Treppe zur geheimen Tür

Der Weg führt zuerst in eine Gruft der Bischöfe und dann durch eine normalerweise unsichtbare Treppe nach unten. Diese lässt sich per Knopfdruck öffnen und wir tauchen ab unter das Kloster. Hier sieht alles wie in einer Werktstatt aus. Es stehen Kartons voller Kerzen da, Dekorationsmaterial, Bilder und allerhand. Vor einer Türe mit der Aufschrift «Eintreten verboten» machen wir kurz Halt - wegen der Heizung, sagt Huber. Mit einem Piepsen öffnet sich das elektrische Schloss der Türe, welches er mit seinem Schlüssel entsperrt hat. Warme Luft strömt heraus und wir gehen hinein.

Ein Labyrinth aus Gängen unter der Stiftskirche

Unter der Stiftskirche verläuft tatsächlich ein Labyrinth aus langen Gängen, welches einem in geduckter Haltung schnell und ungesehen von einem Ende zum anderen der rund 90 Meter langen Kirche bringt. Huber kennt den Weg bestens und plötzlich gelangt man an in eine Sackgasse. Oben kann man die Besucher durch ein Gitter sehen, die den Blick gegen oben richten. Hier strömt die warme Luft aus den Gängen, die als Heizung dienen, in die Kirche. Die Wände der Gänge sind mit Isolationsmaterial versehen und mit modernem Mauerwerk gebaut. Keine grusligen Knochen oder Spinnweben: «Ich muss hier sehr oft saugen wegen dem Staub», lacht Huber.

Die Gänge unter der Stiftskirche sind für die Öffentlichkeit unsichtbar.
Die Gänge unter der Stiftskirche sind für die Öffentlichkeit unsichtbar.
© Raphael Rohner / FM1Today

Der geheime Brunnen existiert tatsächlich

Durch weitere Gänge, verschlossene Türen und über Treppen gelangt man schliesslich in einen Vorraum. In diesem befindet sich hinter allerlei Material der sagenumwobene geheime Brunnen des Klosters. «Hier holten die Mönche und Bewohner der Stadt während Belagerungen unbemerkt Wasser und mussten nicht nach draussen», sagt Mesmer Huber. Der Brunnen sei seit der Anfangszeit des Klosters an dieser Stelle und gehe bis tief in den Boden hinein. Die beiden geheimnisvollen Orte unter dem Kloster St.Gallen sind also wirklich vorhanden.

Der alte geheime Brunnen befindet sich tief unter dem Kloster.
Der alte geheime Brunnen befindet sich tief unter dem Kloster.
© Raphael Rohner/FM1Today

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Raphael Rohner
veröffentlicht: 9. Dezember 2016 05:53
aktualisiert: 12. Dezember 2016 08:58