«Ich finde das fast schon feige»

Sandro Zulian, 12. September 2018, 09:04 Uhr
In der Ostschweiz und in Graubünden begleiten Halter ihre Tiere bis zum Tod. In den USA ist das nicht überall der Fall.
In der Ostschweiz und in Graubünden begleiten Halter ihre Tiere bis zum Tod. In den USA ist das nicht überall der Fall.
© (Symbolbild: iStock/mediaphotos)
In den USA gibt es viele Menschen, die bei der Einschläferung ihres geliebten Tieres nicht dabei sein wollen. Für das Tier ist das qualvoll. Bei Tierärzten im FM1-Land sorgt das für Staunen.

Auf Twitter wirft diese Geschichte hohe Wellen. Eine Frau aus den USA erzählt die Geschichte ihres Tierarztes: Er berichtet, dass 90 Prozent seiner Kunden nicht dabei sein wollen, wenn ihr Tier eingeschläfert wird. Das zerreisse ihm das Herz, weil die Tiere in ihren letzten Minuten nicht bei ihren Liebsten sein könnten, sondern panisch nach ihnen suchen und dann verzweifelt sterben müssten.

Die Frau, die diesen Tweet verfasst hat, wohnt in Knoxville, Tennessee, USA. In Buchs, St.Gallen, Schweiz sehe die Lage ganz anders aus, sagt Luzia Schweizer-Trösch, Praxisinhaberin der Tierarztpraxis Kreuzberg: «Bei uns ist es genau umgekehrt. Ich schätze, dass 90 Prozent der Tierhalter während des Einschläferns bei ihren Tieren bleiben.»

Auch in Chur bleiben die Menschen bei ihrem Tier

Ähnliche Erfahrungen macht auch Tierarzt Daniel Damur. Er arbeitet bei der Tierklinik Masans bei Chur. «Sicher 90 bis 95 Prozent unserer Kunden wollen dabei sein, wenn ihr Tier den letzten Weg geht.» Allerdings gibt er zu bedenken, dass es Menschen gibt, die nicht mit dem Tod umgehen können. Beim Tier zu bleiben, auch wenn dieses seinen letzten Atemzug mache, sei unangenehm und brauche viel Überwindung. Deshalb hat der Tierarzt auch Verständnis, dass es nicht für jeden Tierbesitzer emotional machbar ist, dabei zu bleiben.

Dr. med. vet. Daniel Damur von der Tierklinik Masans. (Bild: zVg)
Dr. med. vet. Daniel Damur von der Tierklinik Masans. (Bild: zVg)

Mühe mit der Einstellung gewisser Tierhalter

Trotzdem hat Damur Mühe, wenn er hört, dass es in den USA Tierärzte gibt, die in 90 Prozent der Fälle das Tier eines Besitzers alleine einschläfern müssen. «Ich finde das fast ein bisschen feige, wenn man nicht dabei ist.» Seiner Erfahrung nach fühlten sich viele Besitzer in der Schweiz gegenüber ihrem Tier verpflichtet und blieben somit bei ihrem Liebling, wenn das Tier den letzten Weg gehen muss.

Damur bemerkt überdies einen extremen Wandel nach dem Tod eines Tieres: «Mittlerweile möchten viele Besitzer ihr Tier nach dem Einschläfern kremieren lassen. Das war nicht immer so.» Früher sei es eher vorgekommen, dass man das Tier nach dem Tod zur Tiersammelstelle gebracht habe. «Heute werden viele Tiere als Familienmitglied angesehen und als solches behandelt.»

Eine von zehn Personen ist überfordert

«Diese Zahl aus den USA erstaunt mich, ehrlich gesagt», sagt auch Roman Camen von der Kleintierpraxis Camen in Rapperswil-Jona. Vielleicht seien die Amerikaner einfach besser im Verdrängen als die Schweizer, scherzt Camen, wird aber gleich wieder ernst: «Bei uns sind neun von zehn Menschen beim Einschläfern mit dabei.» In zehn Prozent der Fälle sei der Tierhalter oder die Tierhalterin allerdings überfordert mit der Situation: «Es gibt Menschen, die können und wollen nicht dabei sein, wenn ihr Tier stirbt.»

Roman Camen, Inhaber der Kleintierpraxis Camen in Rapperswil-Jona, mit seinem Kater Moritz.
Roman Camen, Inhaber der Kleintierpraxis Camen in Rapperswil-Jona, mit seinem Kater Moritz.

Wie aus dieser Befragung hervorgeht, sind Tierhalter im FM1-Land sehr loyal, wenn es darum geht, ihr Tier auf dem Weg zur Regenbogenbrücke zu begleiten. Das Tier ist für viele Menschen ein Familienmitglied, dass weder in den letzten Stunden allein gelassen, noch nach dem Tod auf einen Haufen geworfen wird.

Sandro Zulian
Quelle: saz
veröffentlicht: 12. September 2018 07:45
aktualisiert: 12. September 2018 09:04