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Schwingen

Jörg Abderhaldens Erben: Die Ostschweizer peilen den Sieg in Kilchberg an

Nico Conzett, 23. September 2021, 13:26 Uhr
Der nur alle sechs Jahre stattfindende Kilchberger Schwinget ist eines der wichtigsten Schwingfeste überhaupt – am Samstag ist es wieder soweit. Die Ostschweizer haben gute Chancen auf den Festsieg. Angeführt wird die Delegation von Saisondominator Samuel Giger.

Es ist das unbestrittene Highlight der Saison, eines der Monumente des Schwingsports: Am kommenden Samstag findet der Kilchberger Schwinget statt. Nur alle sechs Jahre trifft sich die absolute Schwingelite der Schweiz zum Kampf um den prestigeträchtigen Festsieg hoch über dem Westufer des Zürichsees.

Aufgrund der Coronapandemie fand der letzte Kilchberger Schwinget gar vor sieben Jahren statt. 2014 triumphierte der Berner Matthias Sempach. Der letzte Sieger aus der Ostschweiz heisst Jörg Abderhalden und hat 2002 den Festsieg errungen. Heuer stehen die Chancen aber bestens, dass der Sieger des prestigeträchtigen Fests wieder einmal aus dem Osten der Schweiz kommt.

Die Ostschweizer Favoriten

Sieganwärter Nummer 1 – nicht nur von den Ostschweizern, sondern von allen Teilnehmern – ist der Thurgauer Samuel Giger. Der 1.94 Meter grosse und 120 Kilogramm schwere Hüne dominiert die aktuelle Saison. Sieben von neun Kranzfesten hat er 2021 gewonnen, einzig am Schwarzsee und am Rigi-Schwingfest in Ibach reichte es für Giger nicht ganz nach vorne.

Der 23-Jährige aus Ottoberg nahe Weinfelden bestach schon immer mit seiner physischen Topverfassung – nun scheint er die Coronapause genutzt zu haben, um auch seine Technik auf das nächste Level zu heben. Zusammen mit seinen physisch nach wie vor überragenden Voraussetzungen ist das eine für seine Gegner derzeit kaum bezwingbare Kombination.

Giger verbindet jedoch keine guten Erinnerungen mit dem Kilchberger Schwinget. 2014, als 16-Jähriger, musste er nach dem ersten Gang verletzungsbedingt aufgeben. «Ich hoffe, dass ich gesund antreten und am Abend wieder gesund heimgehen darf», sagt er mit Bezug auf seine letztmalige Teilnahme. In sportlicher Hinsicht zählt für den Saisondominator im Grunde nur der Sieg, auch wenn er dies selbst nicht offen sagen will: «Ich will einfach eine Topleistung abrufen.» Gelingt ihm diese, sind die Chancen auf einen Triumph aber bestens.

Die wenigsten Kontrahenten vermochten Samuel Giger dieses Jahr in einem Gang überhaupt zu fordern – auch wenn der bescheidene Thurgauer dem wohl nur schon aus Anstand widersprechen würde. Überfordert hat ihn in der laufenden Saison bisher lediglich ein anderer Schwinger: Sein 21-jähriger Verbandskollege Damian Ott aus Dreien bei Mosnang. Der Toggenburger ist der ultimative Aufsteiger der Saison. Praktisch aus dem Nichts triumphierte er an den Bergfesten auf dem Weissenstein und am Schwarzsee. Renommierte Schwingfeste, an welchen auch gestandene Eidgenossen stets um den Kranzgewinn kämpfen müssen.

Ott, zwar auch 1.96 Meter gross, besticht im Gegensatz zu Giger weniger mit seiner puren Kraft, als mit seiner Beweglichkeit und seiner Kondition. Der Toggenburger ist deshalb im Bodenkampf vielleicht bereits der beste Schwinger der Schweiz. Wer sich gegen Ott am Boden verteidigen muss, kommt kaum um eine äusserst unangenehme Erfahrung herum.

Sowohl Ott als auch Giger zählen aufgrund der bisherigen Saison zu den meistgenannten Kandidaten auf den Festsieg in Kilchberg.

Die Kandidaten für einen Exploit

Jedoch heisst der Ostschweizer Schwinger, der 2021 am meisten Kränze gewonnen hat, weder Giger noch Ott: Es ist Domenic Schneider aus Friltschen im Kanton Thurgau. Als einziger Schweizer Schwinger hat er in der laufenden Saison zehn Kränze geholt. Der 27-Jährige Klubkollege von Samuel Giger schwingt im laufenden Jahr mit einer bestechenden Konstanz um die Spitzenränge an den Festen mit. Schneider ist mit 1.79 Meter für einen Schwinger klein gewachsen. Allerdings verbergen sich gewaltige Kräfte im 135 Kilogramm schweren Thurgauer. Er ist für seinen offensiven, explosiven Schwingstil bekannt und sucht in seinen Gängen rasch die Entscheidung.

Ein Festsieg auf der grössten Bühne fehlt Schneider noch. Er hat in dieser Saison allerdings gezeigt, dass mit ihm zu rechnen ist – an einem perfekten Tag kann es auch nach ganz vorne reichen.

Dieselbe Aussage trifft auch auf Werner Schlegel zu. Wie Ott ist er einer der Aufsteiger der Saison und wie Ott ist er Toggenburger. Der Hemberger ist erst 18 Jahre alt und durfte im Vergleich zu vielen Kollegen während der Pandemie meist wie gewohnt trainieren – und diese Zeit hat er offensichtlich genutzt. An sechs Schwingfesten bezwang Schlegel acht Eidgenossen, ein Topwert. Auch seine ersten Kranzfestsiege, am Thurgauer und Appenzeller Kantonalen, konnte er feiern.

Der Toggenburger gehört dem Schwingklub Wattwil an. Ein gutes Pflaster, um eine erfolgreiche Schwingerkarriere zu bestreiten. Schlegel darf die früheren Könige Jörg Abderhalden und Arnold Forrer zu seinen Klubkollegen und auf Ratschläge dieser zählen. Offenbar nimmt er sich dies zu Herzen: Jörg Abderhalden liess im Laufe der Saison verlauten, dass er bezüglich Schwingstil durchaus Parallelen zwischen ihm und Schlegel erkenne.

Eine starke Ostschweizer Delegation

Nebst den vier genannten haben zwölf weitere Schwinger des Nordostschweizer Schwingerverbands (NOSV) eine Einladung nach Kilchberg erhalten. Ebenfalls Chancen auf eine Spitzenplatzierung besitzen der Winterthurer Samir Leuppi und der Glarner Roger Rychen, welche in dieser Saison, ähnlich wie Domenic Schneider, konstant um die Spitzenränge schwingen.

In Kilchberg nicht dabei sein wird der Maienfelder Armon Orlik, welcher im Normalfall ebenfalls zu den Favoriten gezählt werden dürfte. Der 26-Jährige erlebt verletzungsbedingt ein verkorkste Saison und muss aufgrund anhaltender Rückenbeschwerden für das Saisonfinale Forfait geben.

Die wichtigsten Gegner

Zu den ärgsten Widersachern der Ostschweizer Delegation zählen wie immer die Berner, welche in der Breite sehr gut besetzt sind. Die wichtigsten Kontrahenten sind Matthias Aeschbacher, hinter Samuel Giger Zweiter in der Jahreswertung, Ex-König Kilian Wenger und der aufstrebende Fabian Staudenmann. Der amtierende Berner Schwingerkönig Christian Stucki muss mit einer Schulterverletzung passen.

Auch die Innerschweizer sind traditionell gut vertreten. Chancen auf den Festsieg werden vor allem Sven Schurtenberger und Joel Wicki eingeräumt. Aussenseiterchancen besitzen Nick Alpiger und Andreas Döbeli aus dem Nordwestschweizer Teilverband.

Wie üblich kommt es bereits im ersten Gang zum Aufeinandertreffen der besten Schwinger: Mit diesen Duellen startet der Kilchberger Schwinget:

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. September 2021 08:55
aktualisiert: 23. September 2021 13:26