Jugendliche kämpfen gegen Gewalt im Internet

Laurien Gschwend, 10. November 2016, 05:31 Uhr
Mobbing findet auch in der digitalen Welt statt. (Symbolbild)
Mobbing findet auch in der digitalen Welt statt. (Symbolbild)
© iStock
«Nie wieder ein Fall Paul», sagen sich Jugendliche im FM1-Land und entwerfen Plakate gegen Gewalt im Internet. Stefan Christen vom Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St.Gallen erklärt, was sich die Initianten von der Kampagne erhoffen.

Im letzten Juni kontaktierte ein 35-jähriger Mann im Netz den kleinen Paul aus dem solothurnischen Gunzgen. Der Pädophile entführte den Jungen nach Deutschland - mit der Absicht, ihn sexuell zu missbrauchen. Jugendliche aus dem FM1-Land möchten gegen das sogenannte Cybergrooming ein Zeichen setzen.

«Empfehlungen der Eltern kommen weniger gut an»

«Botschaften von Gleichaltrigen sind glaubwürdiger», erklärt Stefan Christen, Leiter Prävention und Gesundheitsförderung «Zepra» des Kantons St.Gallen. Im Oberstufenalter höre man lieber den eigenen Kollegen zu, «die Empfehlungen der Eltern kommen weniger gut an».

Im Rahmen von «freelance», einem überkantonalen Präventionsprogramm, können Schulklassen zum dritten Mal Plakate, Slogans und Headlines ausarbeiten, um auf die verschiedenen Gefahren in den digitalen Medien hinzuweisen. Seit drei Monaten läuft die Aktion. «Es sind schon viele Vorschläge eingegangen», so Stefan Christen. Noch bis Ende November können die Ideen eingereicht werden.

Ein Beispiel aus der letzten Plakatkampagne.
Ein Beispiel aus der letzten Plakatkampagne.
© Ein Beispiel aus der letzten Plakatkampagne. © zvg

Die besten neun bis zehn Plakate werden in den Kinos, auf Screens im ÖV sowie auf Bildschirmschonern zu sehen sein. Lernende Grafiker helfen den Oberstufenschülern beim professionellen Layout. Die Umsetzung in den beteiligten Kantonen hängt stark von den jeweiligen Finanzen ab. Wie viel der Kanton St.Gallen in «freelance» investiert, möchte Stefan Christen nicht bekanntgeben. Man nutze für die präventiven Massnahmen allerdings nicht nur staatliche Gelder, sondern auch welche aus der Alkoholsteuer.

Vor zehn Jahren haben die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Graubünden, St.Gallen, Schaffhausen und Thurgau sowie das Fürstentum Liechtenstein das Programm «freelance» ins Leben gerufen. Damit möchten sie Oberstufenschüler für Themen wie Alkohol, Tabak und Cannabis sensibilisieren - und seit einigen Jahren auch für den richtigen Umgang im Social Web.

Über Suchtmittel und Gewalt im Netz nachdenken

«Der Plakatwettbewerb und auch die anderen 'freelance'-Massnahmen zielen darauf ab, dass die Lehrpersonen präventive Themen in den Unterricht aufnehmen», sagt Stefan Christen. Unter anderem stelle man den Lehrpersonen Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, ohne ihnen viel Aufwand aufzuhalsen. Dank Boxen mit «Präventionshäppchen» könne man die Jugendlichen dazu ermuntern, über Suchtmittel und Gewalt im Netz nachzudenken. Ausserdem beziehe man die Eltern mit ein. «Broschüren zeigen ihnen, was sie tun sollen, wenn sich ihre Kinder auffällig verhalten.»

Cybermobbing kein eigener Tatbestand

Immer häufiger ist in den Medien zu lesen, dass Kinder in Kontakt mit pornografischem Material im Internet kommen und sich gegenseitig anzügliche Inhalte schicken. «Das sogenannte Sexting gibt auch uns viel zu tun», bestätigt Gian Andrea Rezzoli, Sprecher der Kantonspolizei St.Gallen, gegenüber FM1Today.

Es sei jedoch kompliziert, zu sagen, wie viele solche Fälle es im Kanton St.Gallen jährlich gebe. Cybermobbing sei beispielsweise kein eigener Tatbestand. «Härtere Fälle» stufe man unter Nötigung, Drohung oder Belästigung ein. «Auf jeden Fall ist es sinnvoll, auf das Thema aufmerksam zu machen», findet auch der Polizeisprecher.

Kein erwiesener Erfolg

Bei den letzten beiden Plakataktionen sind gemäss Stefan Christen jeweils 80 bis 150 Eingaben erfolgt. «Das hängt stark von der Motivation der Lehrpersonen ab.» Man habe in den letzten Jahren viele positive Rückmeldungen von Erwachsenen und Kindern erhalten.

Stefan Christen zufolge kann der konkrete Erfolg aber nicht gemessen werden. «Ich würde falsche Vorstellungen vermitteln, wenn ich sagen würde, dass wir eine Verhaltensentwicklung bei den Jugendlichen bewirken können - nur, indem wir ein paar Plakate aufhängen.»

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 10. November 2016 05:31
aktualisiert: 10. November 2016 05:31