«Meinem Kleinen fehlt seine Mutter»

Laurien Gschwend, 20. Oktober 2016, 13:59 Uhr
Eine Pflegefachfrau versorgt ein Neugeborenes im Kantonsspital St.Gallen. (Archiv)
Eine Pflegefachfrau versorgt ein Neugeborenes im Kantonsspital St.Gallen. (Archiv)
© TAGBLATT/Ralph Ribi
Eine St.Gallerin musste in der 27. Schwangerschaftswoche nach Chur geflogen werden, weil die Neonatologie-Abteilung im Kantonsspital St.Gallen voll war. Ein bekanntes Problem - und trotzdem eines, das die gesamte Familie unerwartet durcheinander bringt.

Eine 34-jährige St.Gallerin ist in der 27. Woche schwanger. Am Samstag vor einer Woche bekommt sie undefinierte Blutungen und sucht im Kantonsspital St.Gallen den Notfall auf. Nach einigen Untersuchungen stellt sich heraus, dass ein Hämatom das ungeborene Kind gefährden könnte.

Abwarten, bis die Situation stabil ist

Im Notfall muss das Baby per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden. Deshalb sind Atemgeräte auf der Neonatologie nötig. «Da die Frühgeburtenstation in St.Gallen voll war, wurde ich um 1 Uhr nachts mit der Rega nach Chur geflogen», berichtet die Todayreporterin. Nun ist sie seit eineinhalb Wochen im Bündner Spital stationiert. «Wir warten ab, bis das Kind und ich einen stabilen Zustand erreichen.»

Sohn wird fremdbetreut

Aus Sicherheitsgründen - und weil in St.Gallen noch kein Platz frei geworden ist - bleibt die Ostschweizerin weiterhin in Chur. In St.Gallen wohnt sie zehn Minuten vom Spital entfernt. Wer sie in Chur besuchen möchte, muss eine stündige Autofahrt in Kauf nehmen. «Mein Sohn ist erst 22 Monate alt, für ihn ist die Situation extrem schräg», erzählt sie gegenüber FM1Today. Vom einen auf den anderen Tag sei sie plötzlich weg gewesen. «Der Kleine wird jetzt während 24 Stunden fremdbetreut.» Glücklicherweise könne ihre Schwiegermutter das Kind hüten.

«Es ist schwierig und kompliziert»

Als wäre die unsichere gesundheitliche Situation nicht schon genug, muss die 34-Jährige nun ohne ihre Familie auskommen. «Zu Beginn haben mich mein Mann und mein Sohn regelmässig besucht, aber für den Kleinen ist das sehr anstrengend», schildert sie die Lage. Ihr Mann arbeite zu 100 Prozent. Komme er abends noch mit dem Jungen vorbei, werde es für diesen viel zu spät. «Es ist schwierig und kompliziert», sagt die Todayreporterin, «meinem Kleinen fehlt seine Mutter».

Zimmernachbarin aus Rheinfelden

Die St.Gallerin ist mit ihrem Problem nicht alleine. Ihre Zimmergenossin im Kantonsspital Chur stammt aus Rheinfelden in der Nähe von Basel. «Sie ist seit drei Wochen da und muss noch einige Zeit bleiben.» Mitarbeitende des Krankenhauses und der Rega seien schon oft in Berührung mit solchen Fällen gekommen.

Kantonsspital kennt Problematik

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen, bestätigt einen solchen Engpass. «In der Tendenz ist die Auslastung sehr hoch, wir sind am oberen Limit angelangt.» Am Kantonsspital St.Gallen und am Ostschweizer Kinderspital seien momentan alle Plätze belegt. Dies könne dazu führen, dass Patientinnen und ihre Kinder in andere Spitäler verlegt werden müssen. «Die grösseren Spitäler mit entsprechender Neonatologie-Zertifizierung arbeiten dabei zusammen», so Lutz. Man schaue situativ, welches Krankenhaus Kapazitäten habe, Chur und Zürich seien zwei Möglichkeiten.

Erleichterung durch Neubau

Am Kantonsspital St.Gallen gebe es zehn Beatmungsplätze für Frühgeborene. «Diejenigen Kinder, die etwas mehr Unterstützung benötigen, kommen auf die Intensivstation des Ostschweizer Kinderspitals mit acht Beatmungsplätzen», führt der Mediensprecher weiter aus. Mit dem Spital-Neubau sei es gut möglich, dass man die Engpässe in der Neonatologie beheben könne. «Wir erhoffen uns eine gewisse Erleichterung, aber auch dann werden die Bettchen begrenzt sein.» Es mache wenig Sinn, 30 oder 40 Plätze anzubieten.

Liege ein Frühchen auf der Neonatologie oder der Intensivstation, werde die Familie unterstützt. «Wir beraten die Eltern und bieten einen Sozialdienst an», sagt Philipp Lutz.

Medizinischer Fortschritt behebt Engpässe

«Engpässe in der Neonatologie sind bekannt», weiss auch Conrad Engler, Leiter des Betroffenennetzwerks Kinderwunsch. Derzeit helfe man einander gegenseitig aus. «Aber in Zukunft löst sich das Problem von alleine», sagt der Gesundheitsexperte. Künftig, mit den neuen Regelungen in der Fortpflanzungsmedizin, pflanze man den Frauen nur noch einen Embryo ein. Dadurch gebe es weniger Mehrlingsschwangerschaften. «Und diese sind mit einem Haufen Komplikationen verbunden», begründet er die Situation. Gemäss Engler erübrigen sich damit die Diskussionen über die Erweiterung von Kapazitäten in der Neonatologie.

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 20. Oktober 2016 13:55
aktualisiert: 20. Oktober 2016 13:59