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Ostschweiz und Graubünden

Meldepflicht für Pflegepersonal: «Jetzt greift unser Notfallplan»

Noah Hartmann, 13. Januar 2022, 07:30 Uhr
Seit Mittwoch sind im Kanton Graubünden alle ausgebildeten Pflegefachpersonen, die nicht mehr in der Branche arbeiten, verpflichtet, sich beim Kanton zu melden. Laut dem Leiter des Gesundheitsamtes ist das der «Notfallplan», um einen Kollaps der Spitäler zu verhindern. Die anderen Ostschweizer Kantone sehen keine Grund für eine solche Massnahme.
«Es ist davon auszugehen, dass die starke Zunahme der Coronafälle die medizinische Versorgung an ihre Grenzen bringen wird», heisst es in einer Mitteilung des Kantons Graubünden.
© Getty

Der Aufruf auf der Webseite des Kantons Graubünden klingt drastisch: «Die Regierung beschliesst, dass alle Personen mit Wohnsitz im Kanton Graubünden, die über einen Abschluss als Pflegefachperson verfügen, derzeit jedoch nicht im erlernten Beruf tätig sind, verpflichtet sind, sich zu melden.» Seit Mittwoch steht ein entsprechendes Formular online. «Diese Meldepflicht ist unser Notfallplan», bestätigt der Gesundheitsamtleiter Rudolf Leuthold.

Vorsorge wegen Ausfällen

Laut dem Bundesamt für Gesundheit verschlimmert die Corona-Variante Omikron die Situation in den Spitälern. «In den kommenden Wochen rechnet das BAG mit vielen Ausfällen beim Spitalpersonal und gleichzeitig werden die Hospitalisierungen steigen. Wir sind also unbedingt auf zusätzliches Personal angewiesen», sagt der Bündner Gesundheitsamtsleiter Rudolf Leuthold. Deshalb beschloss die Regierung einen verpflichtenden Aufruf für ausgebildetes Pflegepersonal. «Es ist zwar Pflicht sich zu registrieren, aber man wird nicht Zwangsaufgeboten», erklärt Rudolf Leuthold.

Ziel der Erhebung ist es, eine Liste von Personen zusammenzustellen, die in «brenzligen Situationen» einspringen können. Die Idee ist nicht neu, sagt der Gesundheitsamtsleiter: «Diese Erhebung haben wir schon vor zwei Jahren gemacht und haben gute Erfahrungen gesammelt.» Damals wurden die aufgebotenen Personen besonders in den Spitälern und in Impfteams eingesetzt.

Thurgau spricht nicht über Worst-Case-Szenario

Über besondere Vorbereitungen für einen möglichen grösseren Personalausfall in den Spitälern will der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Marti nicht sprechen: «Selbstverständlich denken wir in Szenarien, aber es bringt nichts, jetzt das Worst-Case-Szenario zu skizzieren.» Das Aufbieten von ehemaligem Gesundheitspersonal gibt es aber auch im Kanton Thurgau. «Wir haben schon seit Beginn der Pandemie pensionierte Ärztinnen und Ärzte und Pflegepersonal mobilisiert», sagt Urs Marti. Im Moment sind 50 bis 70 solcher Personen im Einsatz und impfen in Pflegeheimen und Institutionen.

Der Thurgauer Gesundheitsdirektor blickt zuversichtlich auf die nächsten Wochen: «Wir haben die Ressourcen von der Impfung klar von den Ressourcen der Spitäler getrennt. So können wir Ausfälle kompensieren.» Die Einschätzung des Bundesamtes für Gesundheit, Omikron könnte zu Personalengpässe führen, sieht Urs Marti kritisch: «In dieser Krise sind schon viele falsche Zukunftsaussagen gemacht worden. Manchmal kam es schlimmer, manchmal auch nicht.»

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Quelle: tvo

St.Gallen sieht die Spitäler in der Verantwortung

Im Gegensatz zu den Kantonen Graubünden und Thurgau, sieht sich St.Gallen nicht in der Verantwortung: «Die Spitäler haben Pläne, wie Personalausfälle kompensiert werden können. Dazu gehören Massnahmen wie vorübergehende Erhöhungen der Pensen oder Rückstellung von elektiven Eingriffen», schreibt der Kanton St.Gallen auf Anfrage. Die Spitäler durch ein Zwangsregister für ehemaliges Pflegepersonal zu entlasten, ist beim Kanton nicht in Planung.

«Im Kanton St.Gallen sind die Fallzahlen von Personen mit einer Corona-Erkrankung sowie die Belegung auf den Intensivstationen aktuell stabil. Die Kapazitäten sind derzeit ausreichend, aber es ist schwierig, Prognosen zu stellen», schreibt der Kanton St.Gallen weiter.

Eine konkrete Prognose wagt auch Appenzell Ausserrhoden nicht. Dafür arbeitet der Kanton im Moment an einem Notfallplan: «Es besteht eine Eskalationsplanung wie im Fall einer Zuspitzung vorgegangen wird, auch in Bezug auf das Personal», schreibt das Amt für Gesundheit.

Die Vorbereitungen für die kommenden Wochen sind in den Kantonen im FM1-Land also sehr unterschiedlich. Unter Umständen bringt der neue Bundesratsbeschluss, die Quarantäne und Isolation von zehn auf fünf Tage zu reduzieren, Entspannung in die Personalsituation im Gesundheitssektor.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. Januar 2022 18:24
aktualisiert: 13. Januar 2022 07:30