Nesslau

200 Personen an der Demonstration «Ehe für alle»

St.Galler Tagblatt/Christoph Heer, 21. August 2021, 17:56 Uhr
Das hat es in Nesslau noch nie gegeben: eine Kundgebung vor einer nationalen Abstimmung. Die Teilnehmenden setzten sich am Samstagmittag friedlich dafür ein, dass gleichgeschlechtliche Paare künftig zivil heiraten dürfen. Trotzdem musste die Polizei eingreifen.
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Quelle: tvo

Das hatten sich die Organisatoren um Joel Müller genau so vorgestellt: 200 Teilnehmende fanden sich am späten Samstagvormittag am Bahnhofplatz in Nesslau ein, fast ausnahmslos eingekleidet mit regenbogenfarbiger Kleidung, Hüten, Regenschirmen und Fahnen. «Das Toggenburg bekennt Farbe» lautete der Slogan dieser Kundgebung, «Ja, ich will» hallte es fast ununterbrochen durch die Strassen Nesslaus.

Dank Polizeipräsenz und Verkehrskadetten verlief der 20-minütige Umzug durch das Dorf störungsfrei. Nur ganz zum Schluss des Korsos stellte sich eine Person an den Strassenrand und äusserte ihren Unmut lautstark. «Ihr seid doch alle krank, habt null Selbstbewusstsein und könnt nur fordern», machte sie ihrem Ärger Luft. Einige der Demonstrierenden suchten sofort den Dialog mit der Gegendemonstrantin. Die Organisatoren beschwichtigen jedoch sofort, so dass es ruhig und gesittet weitergehen konnte.

Polizei interveniert

Nach dem Umzug versammelte sich die Gemeinschaft wieder auf dem Bahnhofplatz. Bevor jedoch die Wiler SP-Nationalrätin Barbara Gysi das Wort ergreifen konnte, wurde besagte Gegendemonstrantin von zwei Polizisten abgeführt. Ihre Hilferufe verstummen, die Kundgebung ging weiter.

Am 26. September stimmen die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über die «Ehe für alle» ab. Wird die Abstimmungsvorlage angenommen, können gleichgeschlechtliche Paare zivil heiraten. Zudem würde Frauenpaaren der Zugang zur Samenspende in der Schweiz erlaubt und gleichgeschlechtliche Paare könnten neu gemeinsam Kinder adoptieren. «Genau das ist es, was schon lange fällig ist. Durch diese Öffnung werden wir vollkommener, denn Liebe kennt weder Alter noch Geschlecht», sagte Barbara Gysi. Sie zeigte sich überzeugt, dass es am 26. September ein haushohes, für sie positives Resultat geben wird. Gysi ergänzte: «Sogar die St.Galler Jung-SVP ist dafür. Ein Beweis mehr, dass Menschenliebe weder links noch rechts ist.»

Gysi betonte, dass dank der Länder, in denen eine Homoehe schon erlaubt ist, viele positive Effekte bewiesen werden. «Wenn diese Diskriminierung aufhört, wird auch die Suizidrate zurückgehen», sagte die Wilerin.

Warum auf dem Land demonstriert wurde

Dass die Abstimmung eine reine Formsache wird, davon geht auch Raphael Frei aus. Der FDP-Kantonspräsident sagte: «Heute stehen wir ein für eine gesellschaftliche Freiheit.» Und der Glarner Grünen-Ständerat Matthias Zopfi ist der Meinung, dass endlich jeder seine Liebe – egal welchen Geschlechts – heiraten darf.

Organisator Joel Müller, Vizepräsident der St.Galler Kantons-SP, zeigte sich zufrieden und sagte, dass in Wil und St.Gallen schon vermehrt solche Aktionen durchgeführt worden seien. Er sagte: «Wir wollten unbedingt einmal raus aufs Land. Hier in Nesslau fanden wir dafür eine perfekte Infrastruktur auf dem Bahnhofsgelände vor.»

St.Galler Tagblatt/Christoph Heer
Quelle: St.Galler Tagblatt
veröffentlicht: 21. August 2021 16:59
aktualisiert: 21. August 2021 17:56
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