«Die St.Galler übersahen den Mord»

Raphael Rohner, 13. Dezember 2016, 15:32 Uhr
Seziertisch in der St.Galler Rechtsmedizin: Übersahen die Mediziner einen Mord?
Seziertisch in der St.Galler Rechtsmedizin: Übersahen die Mediziner einen Mord?
© Urs Jaudas/St.Galler Tagblatt Archiv
Der ehemalige Botschafter Kasachstans wurde in einer Gefängniszelle in Wien tot aufgefunden. Die St.Galler Rechtsmedizin wurde mit der Untersuchung der Leiche beauftragt. Dabei stellten sie fest, dass der Botschafter Suizid begangen hat. Dem widerspricht ein deutscher Gerichtsmediziner.

«So etwas erkennt ein Blinder, das ist Lehrbuchwissen», sagt Bernd Brinkmann, prominenter Facharzt für Rechtsmedizin, gegenüber «DiePresse.com». Er wurde auf Wunsch der Witwe des verstorbenen Botschafters von Kasachstan mit der Untersuchung der Leiche beauftragt, nachdem die Wiener Gerichtsmedizin und die St.Galler Rechtsmedizin den Befund veröffentlichten, dass sich der ehemalige Botschafter selbst umgebracht hatte. Für Brinkmann ist der Fall klar: «Es war Mord!» Der Fall des toten Botschafters, Rachat Alijew, ist noch nicht abgeschlossen.

Alijew war als Mordverdächtiger im grössten Gefängnis Österreichs in einem Einzelhaftraum in U-Haft gesteckt worden. Am 24. Februar 2015, kurz vor Prozessbeginn, war er tot in der Zelle aufgefunden worden. Sein Hals war mit einer Mullbinde umwickelt, die Binde war an einem Kleiderhaken befestigt gewesen. Sofort gingen die Behörden von Suizid durch Erhängen aus. «Es kann kein Erhängen sein, da bin ich mir absolut sicher», erklärt nun Brinkmann.

Justiz verweist auf bisherige Gutachten

Der Leiter der Strafrechtssektion im Justizministerium verwies auf Gutachten über die Videoanlage und den Schliessmechanismus der Zellentür, bei denen es jeweils keine Manipulationen gegeben habe. Ausserdem seien alle Personen befragt worden, die mit Essens- und Medikamentenausgabe beschäftigt gewesen seien, und der Gerichtsmediziner Reinhard Haller habe eine Stellungnahme über die «Suizidgeneigtheit» von Alijew abgegeben.

Laut einem von der Wiener Wochenzeitung «Falter» zitierten Forensiker, der anonym bleiben wollte, könnten die von Brinkmann monierten Male unterhalb der Strangulationsmarke von einem missglückten ersten Selbstmordversuch stammen. «Die Druckstauungen sind für mich erklärbar», so der Mediziner.

«Vermutlich hat sich Alijew zweimal in die an der Wand befestigte Schlinge gelegt. Beim ersten Mal hat er den Kopf noch einmal aus der Mullbinde gezogen, ehe er bewusstlos wurde. Der Suizidversuch könnte die Blutstauungen produziert haben, aber noch keine Verletzungen am Hals», sagte der Experte der Zeitung.

Stellungnahme aus St.Gallen erwartet

Der Leiter der Strafrechtssektion im österreichischen Justizministerium, Chistian Pilnacek wollte zu den medizinischen Feststellungen Brinkmanns nicht Stellung nehmen. Als «nicht nachvollziehbar» bezeichnete der Spitzenbeamte jedoch den Vorhalt, die Obduktion sei «allein in Richtung Selbsttötung aufgebaut» worden. Schliesslich sei die Rechtsmedizin in St.Gallen «bewusst ausgewählt» worden, «um Vermutungen der Nicht-Objektivität auszuschliessen».

Der Sektionschef schloss aber nicht aus, dass der Fall neu aufgerollt werden könnte. Zunächst sei abzuwarten, was die Experten in St.Gallen zu den Ausführungen Brinkmanns sagen. Die Schweizer Rechtsmediziner hätten zugesagt, noch vor Weihnachten eine Stellungnahme zu liefern. «Wir denken, dass dann zumindest einmal die medizinischen Fragen hinreichend geklärt werden können», sagte Pilnacek.

Alijew war seit Sommer 2014 in Wien in Untersuchungshaft gesessen, weil er zwei kasachische Bankmanager ermordet haben soll. Wenige Wochen vor Prozessbeginn im Wiener Straflandesgericht wurde Alijew tot in seiner Zelle aufgefunden.

Die St.Galler Rechtsmedizin war für FM1Today bisher nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

(rar/SDA)

 

Raphael Rohner
veröffentlicht: 13. Dezember 2016 13:39
aktualisiert: 13. Dezember 2016 15:32