«Nachts sind alle Katzen grau»

Film eines Widnauers gewinnt europäischen Filmpreis

Mario Trlaja, 10. Dezember 2020, 21:12 Uhr
«Nachts sind alle Katzen grau» ist ein Dokumentarfilm, der wie ein Spielfilm wirkt.
© Filmbüro Zentralschschweiz
Für sein Filmprojekt will Lasse Linder Aussenseiter porträtieren. Deshalb besucht er mit einem einsamen Musiker eine Bar. Dort fällt ihm ein eigenartiger Mann auf, der mit seinen zwei Katzen am Tresen sitzt und alles kommt anders. Nun hat er den europäischen Filmpreis gewonnen.

Einen Abend lang habe er den Mann mit den zwei Katzen «gestalkt», sagt der 26-jährige Widnauer Regisseur. Für ihn ist klar: Diesen Menschen will er in seinem Film begleiten. «Nachts sind alle Katzen grau» handelt von Christian, der für seine beiden Katzen «Marmelade» und «Katjuscha» lebt. Von einem Mann, der sich mit der Schwangerschaft von Marmelade seinen eigenen Kinderwunsch erfüllt.

Der Rheintaler Lasse Linder hat ein Filmstudium an der Hochschule Luzern absolviert.

© Roshan Adhihetty / Filmbüro Zentralschweiz

«Katze ‹Katjuscha› ist eine richtige Diva»

13 Tage lang haben Lasse Linder und sein Team gedreht, zwölf davon in Christians Wohnung. Katze Katjuscha sei eine «richtige Diva» gewesen, erzählt der Regisseur. Dennoch sei die Zusammenarbeit mit den vierbeinigen Nebendarstellerinnen ruhig verlaufen. Schwieriger sei es gewesen, mit Exzentriker Christian den schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Selbstinszenierung zu gehen. Genau das sei Ziel des Films, so Linder. «Der Protagonist ist echt, die Wohnung war echt, es sind seine Katzen, die Befruchtung von Katze Marmelade im Ausland war echt.» «Nachts sind alle Katzen grau» wurde so gefilmt, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, man sehe sich einen Spielfilm an und keine Dokumentation. Der Film ist ein intimer Einblick in eine Lebensgeschichte, die jeder irgendwo aus der Ferne der eigenen Nachbarschaft kennt, an die man sonst aber nicht rankäme. Lasse Linder gelingt es, diese Geschichte mit ästhetischen Bildern zu erzählen, ohne in blanken Voyeurismus abzudriften.

Preisverleihung am Donnerstagabend

Dies findet auch die «European Film Academy», die Linders Werk für den diesjährigen europäischen Filmpreis in der Kategorie «bester Kurzfilm» ausgezeichnet hat. Es ist zum ersten Mal, dass ein Schweizer Kurzfilm diesen Preis gewinnt.

Es ist nicht der erste Erfolg für den jungen Filmemacher mit seinem Werk, das er für seine Bachelorarbeit an der Filmhochschule in Luzern produzierte. Mit der 17-minütigen Dokumentation war Lasse Linder Gast an zahlreichen Filmfestivals, darunter Locarno und Toronto. «Vor Corona durfte ich mir die Filmfestivals aussuchen», sagt er. Ob es für den europäischen Filmpreis reicht, zeigt sich am Donnerstagabend. Die virtuelle Preisverleihung in der Kategorie «bester Kurzfilm» findet um 20 Uhr statt und wird live übertragen.

Auf die Zukunft angesprochen, denkt Lasse Linder bereits an die nächsten Projekte: «Meine nächsten Filme sollen länger sein.» Er meint damit zwei weitere Dokumentarfilme. «Another Day in the Garden» soll von älteren Ehepaaren handeln, die ihrem Leben nach dem Auszug der Kinder in den Gärten der Vorort-Siedlungen einen neuen Sinn geben müssen. Auch eine Fortsetzung von «Nachts sind alle Katzen grau» stehe zur Diskussion, so der Regisseur. Dieses Mal mit einer Katzenshow in Russland und einem psychotischen Sohn. Wir sind gespannt.

Der Trailer

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. Dezember 2020 11:20
aktualisiert: 10. Dezember 2020 21:12