St.Galler Polizeidirektor

Fredy Fässler: Illegale Demos sind «hocherfreulich»

15. Juni 2020, 16:41 Uhr
Fredy Fässler (SP), St.Galler Polizeidirektor und Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, äussert sich im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» zu den «Black Lives Matter»-Demos und Polizeigewalt in der Schweiz.
Fredy Fässler ist St.Galler Polizeidirektor und in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.
© Benjamin Manser/St.Galler Tagblatt/Archiv

«Es wäre falsch, zu behaupten, die Schweiz habe ein flächendeckendes Problem mit Rassismus», sagt Fredy Fässler im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Die aktuellen Demonstrationen sieht er als jedoch Aufruf, sich «mit unserem Rassismus auseinanderzusetzen».

Der St.Galler Polizeidirektor und SP-Politiker sagt: «Ich glaube nicht, dass wir ein Volk von Rassisten sind. Aber Rassismus gibt es situativ auch in der Schweiz. Er wird von Rechtsparteien auch aktiv gepflegt, um daraus politisches Kapital zu schlagen.» Dass sich die Schweiz erst jetzt intensiver damit auseinandersetzt, führt der 61-Jährige darauf zurück, dass wir «keine aktive koloniale Vergangenheit und keine Sklavenhalterei haben». Auch bei Firmen, die in der Vergangenheit von Sklaverei und Kolonien profitiert haben, wünscht er sich eine differenzierte Auseinandersetzung.

«Mohrenkopf»-Frage ist nicht die wichtigste

Von Verboten hält der Polizeidirektor jedoch wenig: «Wenn es rassistische Reflexe gibt, bringt es nichts, sie einfach zu verbieten. Man muss darüber reden und sich bewusst machen, was für ein Menschenbild man hat.»

Rassismus werde oft bagatellisiert, die «Mohrenkopf»-Diskussion sei ein gutes Beispiel dafür: «Ich bezweifle, dass die Migros die ‹Mohrenköpfe› aus dem Regal genommen hat, weil ihr bewusst wurde, dass das ein problematisches Produkt ist. Man hat wohl einfach versucht, vor dem Hintergrund der ‹Black Lives Matter›-Proteste einen Reputationsschaden zu verhindern.» Für Fässler ist deshalb die «Mohrenkopf»-Frage auch nicht die allerwichtigste. «Wenn die ‹Mohrenköpfe› aus den Regalen verschwinden, haben wir nicht wahnsinnig viel gewonnen.»

«Wir wollen keine Rassisten bei der Polizei»

Bei den Schweizer Polizeikorps sieht Fässler keine rassistischen Tendenzen: «In der Polizeiausbildung sind Menschenrechte, Ethik und die Problematik von Racial Profiling wichtige Elemente. Wir wollen keine Rassisten, wir wollen keine Gewaltbereiten, wir wollen keine Leute, die ihre Macht missbrauchen.»

Dass sich trotz eingeschränkten Demonstrations-Bestimmungen tausende Leute versammeln, findet Fässler nicht problematisch. Ein zentrales Grundrecht sei ausser Kraft gesetzt worden, «jetzt werden sich die Leute langsam bewusst, was das für ein massiver Eingriff war. Ich finde das hocherfreulich». Der Polizeidirektor hofft, «dass auch die Grundrechte bald wieder jene Bedeutung erhalten, die ihnen entspricht».

(red.)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 15. Juni 2020 16:13
aktualisiert: 15. Juni 2020 16:41
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