Wegen Energiekrise

Gassenküche: «Für uns wird es enger in Zeiten, in denen es für alle knapper wird»

Philomena Koch, 3. November 2022, 09:08 Uhr
Energiekrise und Teuerung treffen Randgruppen besonders hart. Die Gassenküche St.Gallen bereitet sich auf einen harten Winter vor und hofft auf Spendengelder. Wie gehen Gäste und Betreiber des Treffpunkts mit der Situation um?

Quelle: TVO

Anzeige

Ein geheizter Treffpunkt, eine warme Mahlzeit, eine Theke mit Früchten und ein Raucherraum. Die Gassenküche der Stiftung Suchthilfe an der Linsenbühlstrasse hat keine besonders aussergewöhnliche Angebote. Für 40 bis 90 Personen aus St.Gallen und den angrenzenden Kantonen ist sie tagtäglich ein wichtiger Zufluchtsort. Menschen mit Drogen-, Alkohol- oder Verhaltensproblemen erhalten hier für drei Franken ein vollwertiges und warmes Mittagessen und Unterstützung bei der Bewältigung der Alltagsprobleme. Die Umstände mit Corona und der Energiekrise bedrücken Betreiber und Gäste der Gassenküche.

Menschen am Rande der Gesellschaft trifft es härter

Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatte die Gassenküche wegen Corona und den einhergehenden Massnahmen mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen. «Wir dachten, dass sich die Situation in diesem Jahr endlich wieder etwas entspannen wird und der Betrieb zurück in die Normalität gehen kann», sagt Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe St.Gallen.

Doch gerade jetzt, wo es langsam kälter wird und die Gäste der Gassenküche Wärme und Gesellschaft umso mehr schätzen, muss sich die Stiftung auf ein weiteres Problem vorbereiten. Die steigenden Energiepreise und die Teuerung bei Lebensmittel bereiten Regine Rust Sorgen: «Solche Notsituationen wirken sich extrem aus, gerade für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Für uns wird es enger in Zeiten, in denen es für alle knapper wird.»

Keine Gassenküche ist keine Option

Wie viel die Gassenküche wirklich von der Energiekrise zu spüren bekommt, kann Rust zu diesem Zeitpunkt nicht einschätzen. Auch nicht, wie die Stiftung damit umgehen wird, wenn der Strom tatsächlich abgestellt werden würde. Klar ist: «Wir machen alles, damit wir den Betrieb aufrecht erhalten können und sparen, wo wir können», sagt Mithat Foster, der Betriebsleiter der Gassenküche. Keine Gassenküche im Winter komme nicht in Frage. «Möglichkeiten für Raum und Verpflegung möchten wir auf jeden Fall zu jedem Zeitpunkt sicherstellen», sagt Foster.

Je höher die Stromrechnung, desto mehr Spendengelder braucht die Küche. 250'000 Franken seien im letzten Jahr zusammen gekommen. Sie sind das einzige Einkommen. Für die bevorstehenden Monate erwartet die Geschäftsleiterin Kosten, die um ein Fünftel ansteigen. Stemmen können sie das nur, wenn mehr gespendet wird. «Wir merken, dass die Solidarität und Unterstützung in St.Gallen immer sehr gross ist.» Dafür sei Rust extrem dankbar. «Gerade jetzt sind wir mehr denn je darauf angewiesen. Einerseits wird in den Wintermonaten und zur Weihnachtszeit unsere Dienstleistung besonders intensiv beansprucht. Andererseits ist die Anzahl unserer Gäste allgemein angestiegen.»

«Fast jeden Monat mussten wir eine Kerze aufstellen»

«Weihnachtszeit ist die schlimmste Zeit im Jahr», sagt José Costa. Seit den 90er-Jahren nutzt er das Angebot der Gassenküche regelmässig. Früher wegen der Essensausgabe, heute um alte Bekannte zu treffen. Dabei möchte er nicht auf die fehlende Weihnachtsbeleuchtung hinweisen, sondern die Thematik der Einsamkeit. «Die Menschen sind zu dieser Zeit deprimierter als sonst und man merkt, dass sie sich vermehrt selber etwas antun», erzählt Costa.

Auch die Energiekrise und Ungewissheit besorgen ihn. Das Thema würde viele in seinem Umfeld beschäftigen. Costa sagt auch: «Ich lebe einfach von Tag zu Tag und schaue dann, wann es soweit ist.»

Dass es den Gästen in der Gassenküche nicht gut geht, musste auch Rust vermehrt feststellen. «Die Menschen sind wegen Corona und der Energiekrise körperlich und psychisch belastet. Durch viele verschiedene Erkrankungen ist die Todeszahl der Gäste zurzeit traurigerweise dreimal so hoch. In diesem Jahr mussten wir fast jeden Monat eine Kerze aufstellen», sagt Rust. Dabei seien möglicherweise Einsamkeit und Belastung Auslöser der Krankheiten. Der Erhalt des Treffpunkts sei dementsprechend unglaublich wichtig. Ob die Solidarität in diesem Winter an eine Grenze stösst, wird sich zeigen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 3. November 2022 05:58
aktualisiert: 3. November 2022 09:08