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Kindheit

Kinder sollen in der Stadt aufwachsen? Nicht mit mir

Lara Abderhalden, 5. März 2021, 13:32 Uhr
«Der beste Ort für Kinder ist die Stadt» – mich tschuderets – hat der das tatsächlich geschrieben!? Lieber Tagblatt-Redaktor, da muss ich Ihnen widersprechen – ich bin ein Landei und stolz darauf.
Landleben wie ich es liebe.
© FM1Today/Lara Abderhalden

Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal. Gleis 2: Wattwil – St.Gallen. Shoppen in der Grossstadt. Chrömle im Claire's, neue DC-Schuhe aus dem Doodah und schwarz-weiss Fotos aus dem Fotoautomaten im Neumarkt St.Gallen.

Ein Ausflug in die Grossstadt St.Gallen war für mich als Kind das grösste – eine andere Welt, aber auch eine fremde Welt. Denn, obwohl mich meine jugendliche Neugier und mein faustischer Geist immer wieder in Städte trieben, habe ich mein Herz irgendwo zwischen Heuboden und Kuhfläden an das Toggenburger Quartier-Kaff Scheftenau verloren.

Nicht alle auf dem Land fahren Töffli

Anders geht es Tagblatt-Redaktor Adrian Lemmenmeier-Batinić – er schreibt in seinem Papa-Blog: «Wer aufs Land zieht, ist selber schuld. Der beste Ort für Kinder ist die Stadt.» Ich muss zugeben, die erste Reaktion auf diese Zeilen möchte ich euch vorenthalten und mich auf ein harmloses «Wie bitte!?» beschränken und noch anfügen: «ist das sein Ernst?»

Viel schlimmer als diese Aussage finde ich die Schubladisierung der Landjugend: So findet der Schreibende, dass Kinder «ein Töffli brauchen, um sich frei zu fühlen». Liebe Stadt-Menschen: Nicht jeder, der auf dem Land aufwächst, tuckert mit dem Töffli zur Schule. Und denjenigen, denen das vergönnt ist, wohnen wirklich ziemlich ab vom Schuss. Verkehrsmittel Nummer eins in unserem Kaff war und ist das Velo und vielleicht fühlten wir uns damit tatsächlich frei – wenn uns der Wind die Haare unter dem Helm zerzauste, wir Wettrennen am Thurwegli veranstalteten oder nach der Badi nass und zitternd zum Znacht nach Hause eilten.

Haben Sie «auf dem Land» gelebt?

Aber auf dem Land haben Kinder ja nicht wirklich die Möglichkeit, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen, oder? Weiter heisst es im Text unter den Vorzügen der Stadt nämlich, dass es in der Stadt «mehr Kinder, mehr Spielplätze, mehr Bibliotheken, mehr Sportvereine, mehr Musiklokale, mehr Kultur, mehr Kulturen und mehr Möglichkeiten gibt. In Städten florieren die Ideen. In Dörfern dagegen die Blumen».

Haben Sie bereits länger «auf dem Land» gelebt? Wissen Sie wie viele Sportvereine es in ländlichen Regionen gibt und wie hoch dort die Mitgliederzahlen sind? Ich vermute höher als in städtischen Gebieten. In unserer Turn-Jugi in Wattwil sind über 90 Kinder und Jugendliche und es werden jedes Jahr mehr. Bei Fussballturnieren unserer verschiedenen Tschutti-Vereine im Dorf und Umgebung ist der Rasen umzingelt von Menschen und die Schlange vor dem Bratwurst-Stand lang.

Im Alltag gilt es so viele Entscheidungen zu treffen, da ist es doch schön, gibt es in gewissen Bereichen nur beschränkte Möglichkeiten.

Landei im Herzen

Sie haben recht, dass sich viele «mit 35 in jener Einfamilienhaussiedlung wiederfinden, die sie als Teenager verfluchten». Auch ich fluchte als Teenager über den weiten Weg zu meinen Freunden, über die schlechte Internetverbindung, über den Güllen-Gestank in den Haaren, die fehlende Bus-Verbindung nach dem Ausgang im Halli Galli, die leichte Steigung auf dem Nachhauseweg mit dem Velo – doch wie bei vielem im Leben, wird einem erst im Nachhinein bewusst, wie schön es doch war – Fussballspiele im Garten, Schnitzeljagden in der weiten Prärie, junge Kätzli auf dem Heuboden des Nachbarn, Bob-Pisten mit Schanzen, Silvesterlen mit Kuhglocken, Lagerfeuer und laute Partys, an denen sich der Nachbar, der 200 Meter entfernt wohnt, nicht etwa stört, sondern Teil davon ist.

Meiner Meinung nach spielt es keine Rolle, wo Kinder aufwachsen, sondern wie sie aufwachsen. Ich bin und bleibe im Herzen immer ein Landei.

Ich erinnere mich nicht mehr genau an die vielen Male, in denen ich in der Stadt war – dafür noch sehr gut an das letzte Fussballturnier im Garten des Nachbarn meiner Eltern. Bei dem sich mein Vater einmal mehr am Zehen verletzte, meine Mutter den Nachbarsjungen umgrätschte und ich mich vor Lachen am Boden krümmte.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 5. März 2021 13:18
aktualisiert: 5. März 2021 13:32