St.Gallen

Mann masturbiert in Bus – Zeugin von Polizei enttäuscht

Laurien Gschwend, 30. September 2019, 07:55 Uhr
VBSG Bus St.Gallen
Kein Einzelfall: Sexuelle Handlungen im öV. (Symbolbild)
© St.Galler Tagblatt/Sabrina Stübi
Auf dem Heimweg im Bus ist eine St.Galler Studentin kürzlich Opfer sexueller Belästigung geworden: Ein Mann starrte sie an und befriedigte sich selbst. Von der Stadtpolizei St.Gallen fühlte sie sich alles andere als ernst genommen.

«Das Geräusch war ziemlich eindeutig. Neben mir im Bus masturbierte ein Mann. Währenddessen starrte er mich an.» Diese Szene erlebte eine 26-jährige St.Gallerin vergangenen Sommer auf dem Heimweg im Bus vom Naturmuseum zum Bahnhof St.Gallen.

«Er schob die Tasche über seinen Schritt»

Nachdem sie einen Vortrag über die Mondlandung gehört hatte, stieg sie kurz nach 21 Uhr in den Bus der Linie 1 ein. Einige Stationen später setzte sich ein zunächst unauffälliger Mann in das Abteil neben ihr. «Er war Mitte 30 und sah völlig normal aus. Seine braune Tasche schob er jeweils über seinen Schritt, wenn ich hingesehen habe.»

Im ersten Moment konnte die Studentin kaum glauben, was gerade passierte. Als ihre Mutter, die neben ihr sass, ihre Beobachtungen bestätigte, habe sie sich gewehrt: «Ich habe gerufen, er solle sofort damit aufhören. Er hat mich dann entgeistert angeschaut, sein Zeug wieder eingepackt und ist bei der Haltestelle Schibenertor aus dem Bus gerannt.»

In den nächsten Stunden durchlebte die St.Gallerin verschiedene Emotionen – sie stand laut eigenen Angaben «enorm unter Strom». «Ich war nervös und sauer zugleich.» Mit Kolleginnen und Kollegen sprach sie darüber, was gerade im Bus passiert war – und rief am nächsten Morgen bei der Stadtpolizei an. «Ich wollte damit keine grossangelegte Suchaktion auslösen, sondern den Fall melden und nachfragen, was in einer solchen Situation zu tun ist.»

«Ich wurde nicht ernst genommen»

Die Mitarbeiterin in der Einsatzzentrale wies die 26-Jährige darauf hin, dass sie die Möglichkeit habe, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten, jedoch kaum Chancen bestünden, den Mann so zu finden. «Zudem sagte sie, dass ich dem Mann hätte hinterherlaufen und direkt die Polizei alarmieren müssen. Das wäre jetzt nicht meine intuitive Reaktion gewesen, denn das hätte ich mich gar nicht getraut.» Die Leserreporterin fühlte sich von der Polizei nicht ernst genommen. «Die Mitarbeiterin meinte, dass sowas nichts Aussergewöhnliches sei. Das passiere regelmässig, auch vor Kindern. Ich hatte den Eindrück, als würde dem Thema nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt.»

Polizei: «Mitarbeiterin hat nichts falsch gemacht»

Der Fall habe keine Konsequenzen für die Polizei-Angestellte, sagt Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen, auf Anfrage von FM1Today. «Wir haben uns das Gespräch nochmals angehört und festgestellt, dass die Mitarbeiterin nichts falsch gemacht hat.» Sie habe auf die Möglichkeit der Anzeige gegen Unbekannt aufmerksam gemacht. Die Aussagen, die Person sei schwierig aufzufinden, oder dass eine Anzeige nutzlos sei, können laut Widmer unter Umständen als harsch aufgefasst werden. «Wir nehmen die Punkte für uns mit und lassen sie in Schulungen einfliessen, um die Mitarbeitenden für solche Fälle zu sensibilisieren.»

Die Leserreporterin hofft, nie wieder Zeugin einer sexuellen Handlung im öV zu werden. Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, bestätigt jedoch, dass alleine in der Stadt St.Gallen immer wieder Anzeigen wegen sexueller Belästigung oder Exhibitionismus, unter anderem im Bus oder Postauto, erstattet werden. «Beispielsweise ist im März ein Mann mit offenem Hosenschlitz und rausschauendem Glied in einem Postauto mitgefahren», sagt Schneider gegenüber FM1Today. In der Stadt St.Gallen seien im Jahr 2019 bisher 13 sexuelle Belästigungen gemeldet worden, wobei nur in den wenigsten Fällen eine Anzeige eingereicht wurde. «Die Dunkelziffer ist durchaus höher.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. September 2019 15:58
aktualisiert: 30. September 2019 07:55