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Diepoldsau

«Mundart ist Identität» – die Dialekt-Künstlerin aus dem Rheintal

Krisztina Scherrer, 13. Juni 2021, 11:29 Uhr
Berta Thurnherr ist im Rheintal eine bekannte Figur. Sie ist sozusagen der Inbegriff des Diepoldsauer Dialekts und in der Kulturszene fest verankert. Kürzlich konnte die 75-Jährige den Anerkennungspreis der Kulturstiftung St.Gallen entgegennehmen.
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Quelle: FM1Today

Die Haustür geht auf. Berta Thurnherr steht im Eingangsbereich ihres Daheims und strahlt. «I be imfall dBerta, geall», sagt sie. Die 75-Jährige trägt eine dunkle weite Hose und ein hellblaues Hemd. Ihre runde Brille umrandet ihre neugierigen und aufgeweckten Augen.

Diepoldsau-Schmitter «since ever»

Sie geht direkt durch das Haus in den Garten. Wilde Blumen, Hecken, Kunst: Ein Paradies für Mensch, Insekt und Vogel. «Der rote Mohn blüht mir momentan so schön», sagt die 75-Jährige und lächelt, sodass ihre Augen ganz klein werden. Sie lebt mit ihrem Mann Konrad Thurnherr in Diepoldsau-Schmitter. Hier ist sie schon ihr Leben lang zu Hause. Ein bisschen draussen, ein bisschen im Grünen. Weit weg vom Lärm der Hohenemserstrasse, so scheint es jedenfalls. Denn in Thurnherrs Garten hört man höchstens die Vögel zwitschern oder die Blätter rauschen, wenn der Wind weht.

Im Rheintal ist Berta Thurnherr ein bekanntes Gesicht. Wer sie nicht schon einmal live gesehen hat, der kennt sie bestimmt vom Zeitung lesen. Sie ist Geschichtenerzählerin, Geschichtensammlerin und Mundartwortspielerin – «Tippilzouar Mundart und Alltagsgschicht». 2018 wurde sie deswegen mit dem «Goldiga Törgga» ausgezeichnet – ein Preis der von der Rheintaler Kulturstiftung vergeben wird. Vergangenen Donnerstag gab es gleich nochmal einen Preis: Die Geschichtenerzählerin erhielt einen Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung.

Berta Thurnherr blättert in ihrem Hörbuch.
© Krisztina Scherrer/FM1Today

Geschichten im Dialekt

«Ein Lehrer meiner Schwester hatte die Rheintaler für ihren Dialekt verachtet und ausgelacht. Das hat sie wohl wütend gemacht. Sie sagte zu mir: Diese Sprache muss man dokumentieren.» Gesagt, getan: Berta Thurnherr hat Geschichten von den Leuten in Diepoldsau und somit den Dialekt auf über 40 Tonbändern dokumentiert.

«Unsere Geschichten sind ein Kulturgut. Wir haben nicht nur die Mundart dokumentiert, sondern auch die Geschichte unseres Dorfes.» Wenn Berta Thurnherr redet, dann tut sie es mit bedacht – ihre Stimme ist weich und freundlich. Sie hat in all den Jahren viele traurige Erzählungen gehört. «Hier wurde viel geschmuggelt, weil alle sehr arm waren. Deshalb ist es auch wichtig, das Ganze niederzuschreiben. Und meine Aufgabe ist es, dies im Dialekt zu tun.»

«Mundart ist Identität»

Mittlerweile hat die 75-Jährige zahlreiche Lesungen hinter sich gebracht, das Hörbuch «As wöart schù wööara ma tuat wamma kaa» herausgebracht und Texte für eine Kinderlieder-CD geschrieben. Berta Thurnherr ist Verfechterin des Diepoldsauer Dialekts, will aber niemanden bekehren. «Kein Mensch kann die Entwicklung der Sprache aufhalten. Die Sprache ist etwas Lebendiges. Und Dialektwörter gehen verloren, weil man sie nicht mehr braucht.» Sie leiste Bewusstseinsarbeit. «Wir können uns bewusst machen, wie schön unsere Sprache ist. Mundart ist Identität.»

Berta Thurnherr hat viel zu erzählen. Und das kann sie so gut, dass eine halbe Stunde wie im Flug vergeht. Man will ihr einfach zuhören. Sie spricht über ihre grosse Leidenschaft, das Singen. Jedes Jahr geht sie in eine Chor-Sing-Woche. «Seit ich 35 Jahre alt bin, nehme ich Gesangsstunden und bin mein Leben lang im Kirchenchor», sagt sie. Ausserdem engagiert sie sich im Solidaritätsnetz Rheintal, wo sich Thurnherr für Flüchtlinge einsetzt. «Gestern hatte ich ein Frauentreff und es war ‹uh schüa›.»

«Ich darf auch mal eine Pause haben»

Bei Thurnherr läuft immer etwas: «Ich habe eine riesen Freude an meinen Enkelkindern, koche gerne – mein Haus steht immer offen. Ich gehe Wandern, an Konzerte und Kunstaustellungen. Ich habe gerne etwas ob.» Entspannen, das tut sie in ihrem Garten oder beim Baden im Alten Rhein. An neuen Projekten arbeitet sie derzeit nicht. «Das schlummert. Ich hätte gerne ein Theaterprojekt gemacht. Das musste ich jedoch zur Seite legen und Energie sammeln.» Aber das darf sie, das sagt sie auch selbst: «Ich habe so viel getan. Ich darf auch einmal eine Pause haben.»

Wer weiss, vielleicht hören wir bald wieder von ihr mit einem Theaterstück. Vielleicht aber auch über ihr Engagement im Solidaritätsnetz Rheintal. Eines ist sicher: Im August gönnt sich Berta Thurnherr eine Woche in einem Sing-Meisterkurs. «Das ist das Erste, was ich mir aus dem Preis leiste – eine Singwoche.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 14. Juni 2021 05:45
aktualisiert: 13. Juni 2021 11:29