Einzigartig in Europa

St.Galler Chia: «Das ist wie ein Sechser im Lotto»

Fabienne Engbers, 27. September 2020, 08:20 Uhr
Avocado aus Peru, Goji-Beeren aus China: Superfood kommt meist vom anderen Ende der Welt. Aber nicht mehr lange: In Flawil pflanzen Bauern dank einer Art Pigmentstörung einer Chia-Pflanze den Superfood auch bei uns an. Die Chia-Samen aus der Region gibt es seit kurzem in den Regalen.

Es war ein Zitterspiel, ein Versuch, der eigentlich gar nicht hätte glücken können. Und doch haben es der Tüftler Christoph Gämperli und sein Team geschafft: den Anbau einer Pflanze, die eigentlich nur in Zentralamerika wächst. Chia.

Eine Art Pigmentstörung lässt die Chia-Pflanze in Flawil erblühen

«Wir haben rund acht Millionen Samen von bolivianischem Chia ausgesät, obwohl wir wussten, dass die Pflanze bei uns eigentlich nicht wächst. Insgeheim hofften wir, dass sich eine Pflanze anders verhalten würde wie der Rest und das ist eingetroffen. Das war wie ein Sechser im Lotto», sagt Christoph Gämperli. Der Geschäftsführer der St.Gallischen Saatzucht, die unter anderem das «St.Galler Öl» produziert, hat in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Bauern das Experiment gewagt.

Christoph Gämperli vor seinem Chia-Probierfeld: Nur durch einen Glücksgriff wächst der St.Galler Chia.

© FM1Today/Fabienne Engbers

«Diese eine Pflanze hatte so etwas wie ein Pigmentstörung, sodass sie im Sommer bereits blüht und somit nicht auf kürzere oder längere Tage reagiert. Normalerweise blüht Chia nur an kürzeren Tagen, deshalb wächst er in Europa nicht.»

«Haben Spaziergängern gesagt, es sei Salbei»

Nachdem Gämperli damals die eine blühende Pflanze abgeerntet hatte, säte er ihre Samen im kommenden Frühling im eigenen Garten aus und hoffte, dass auch diese im Sommer blühen würden. Das war vor fünf Jahren. Mittlerweile gibt es genug Saatgut für zehn Hektaren Chia-Pflanzen. Sechs Bauern pflanzen Chia auf ihren Feldern an. «Nun sind die Konsumenten gefragt. Wenn der einheimische Chia gefragt ist, wollen wir die Produktion sicherlich weiter ausdehnen.»

Frisch vom Feld: So sehen die Chia-Samen aus, wenn die Pflanzen auf dem Feld getrocknet sind und man die Samen herauslöst.

© FM1Today/Fabienne Engbers

Europaweit sind die St.Galler die einzigen Chia-Produzenten. Eine solche Innovation braucht einen Schutz, zu Beginn mussten die Bauern ihre Versuche geheim halten. «Die blau blühenden Pflanzen haben aber natürlich Aufmerksamkeit erregt. Die Bauern mussten Spaziergänger und Velofahrern erzählen, sie würden Salbei anpflanzen. Das ist nicht ganz gelogen; Chia ist eine Salbei-Art», sagt Christoph Gämperli schmunzelnd.

St.Galler Chia durch Brexit gefährdet

Mittlerweile ist der St.Galler Chia geschützt, andere Produzenten dürfen die Samen nicht einfach so anbauen. Dafür sind die St.Galler Chia-Samen bis nach Cambridge gereist. «Die Erlangung des Schutzes war in Europa sonst nirgends möglich», sagt Gämperli. Die Samen wurden von der Universität in Cambridge genau geprüft.

Wegen des Brexits musste Gämperli aber zittern. «Wir wussten nicht, ob die Anerkennung und der Sortenschutz für den EU-Raum gelten würden, wenn Grossbritannien zuvor aus der EU austräte, da habe ich ein wenig gebibbert und war dann froh, dass sich die Verhandlungen so lange hinzogen.»

Bienen und die Umwelt haben Freude

Seit einiger Zeit gibt es nun St.Galler Chia-Öl, Chia-Mehl und neu auch St.Galle Chia-Samen im Schweizer Detailhandel. «Wir hoffen, dass die Leute schätzen, dass man nun Chia aus der Region oder zumindest aus der Schweiz erhält. Bislang kam der Superfood immer aus Zentralamerika und hatte wahnsinnig lange Transportwege hinter sich, diese fallen nun weg.»

Doch nicht nur die kurzen Transportwege machen den St.Galler Chia zu einer ökologisch sinnvolleren Alternative zum Chia von weit her. «Chia braucht und möchte keinen Dünger. Ausserdem ist die Pflanze bei den Bienen sehr beliebt und blüht während einer langen Zeit.»

Die Chia-Pflanzen blühen sehr lange. Deshalb locken sie über lange Zeit Insekten an und sind ein Bienen-Paradies.

© FM1Today/Fabienne Engbers

13 verschiedene Mähdrescher ausprobiert

Nicht nur bei der Pflege der Pflanzen, auch bei der Ernte von Chia gab es für die Bauern einige Aha-Momente. «Die Ernte ist ähnlich wie bei einer Getreideernte. Allerdings wird der Chia bereits auf dem Feld geschnitten und zum Trocknen liegengelassen. Dann werden die Pflanzen mit dem Mähdrescher eingeholt und die Samen werden gereinigt und getrocknet.» 13 verschiedene Maschinen haben die Bauern ausprobiert, der Mähdrescher-Aufsatz wurde nun speziell für die Chia-Ernte konzipiert.

Auf diesem Feld wuchs diesen Sommer Chia. Im September werden die Samen geerntet.

© FM1Today/Fabienne Engbers

Für dieses Jahr ist die Chia-Ernte bereits erledigt, nächstes Jahr werden wieder zehn Hektaren mit den Chia-Samen bepflanzt. Vielleicht wächst daneben bereits das nächste Tüftler-Projekt Gämperlis. «Ich habe riesige Freude an Pflanzen. Wir sind immer auf der Suche nach Nischen und neuen Möglichkeiten, das treibt uns an», sagt er.

Der St.Galler Boden eignet sich grundsätzlich nicht wahnsinnig gut für die Zucht von neuen Pflanzen. Die St.Gallische Saatzucht muss sich deshalb andere Wettbewerbsvorteile erarbeiten, um grossen Züchtern voraus zu sein. «Wir müssen schneller sein und gewisse Dinge ausprobieren. Wenn etwas klappt, machen wir weiter, wenn es nicht klappt, dann lassen wir es.»

Werbung

Quelle: tvo

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. September 2020 06:42
aktualisiert: 27. September 2020 08:20