Studenten sorgen für das richtige Licht

Stephanie Martina, 21. Februar 2017, 05:33 Uhr
Gutes Team: Timo Biegger, Stefan Brunnschweiler, Kathrin Aeschlimann, Lukas Senn, Sandro Rüttimann und Claudio Thöny (v.l.)
© FHS St.Gallen
Erstmals haben angehende Wirtschaftsingenieure der Fachhochschule St.Gallen Produkte für Ostschweizer Unternehmen entworfen. Für sechs Studenten endet dieses Modul mit einem grossen Erfolg. Ihr Produkt, eine Tischleuchte für Sehbehinderte, kommt noch dieses Jahr auf den Markt.

Die angehenden Wirtschaftsingenieure, die an der Fachhochschule St.Gallen vor zweieinhalb Jahren ihre Ausbildung begonnen haben, wurden gleich zu Beginn ihres Studiums ins kalte Wasser geworfen. Bereits im ersten Semester erhielten sie die Aufgabe, für ein Ostschweizer Unternehmen neue Geschäftsfelder zu suchen und ein marktfähiges Produkt zu entwickeln. Und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern sie sollten auch einen Prototypen ihres Produktes herstellen.

Inzwischen sind die Projekte des ersten Jahrgangs fertig und eine Gruppe kann ganz besonders zufrieden sein mit ihrem Resultat: Denn die individuell programmierbare Tischleuchte, die auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten und älteren Menschen ausgerichtet ist, kommt noch dieses Jahr auf den Markt. Einer, der heute stolz auf die Arbeit seiner Gruppe zurückblickt, ist Sandro Rüttimann. Der St.Galler hat sich vor rund zweieinhalb Jahren gemeinsam mit seinen Kommilitonen dazu entschieden, ein Produkt für die Obvita, die Organisation des Ostschweizerischen Blindenfürsorgevereins, zu erarbeiten. «Die Entwicklung dieser Lampe, die Arbeit als Team und die Zusammenarbeit mit der Obvita war eine tolle Erfahrung», sagt Rüttimann.

Dank dieser Tischleuchte erhalten Seebehinderte und ältere Personen wieder mehr Lebensqualität
© 2017020_Leuchte_FHS St.Gallen

Lampe bringt Lebensqualität

Die entwickelte Lampe lasse sich stufenlos von kaltem zu warmen Licht einstellen, fast ohne Helligkeitsverlust. Der Vorteil dadurch sei, dass der Tisch auch ohne blendendes, kaltes Licht gut ausgeleuchtet ist. Das komme insbesondere sehbehinderten Menschen zugute, aber auch älteren Menschen, da im Alter die Blendempfindlichkeit zunehme, erklärt Rüttimann. Zudem lasse sich die Lampe individuell programmieren je nach Lichtanforderung und Nutzer.

«Während der Entwicklungsphase der Lampe haben wir immer wieder den Kontakt zu Betroffenen gesucht und Interviews geführt, um die Leuchte den Kundenbedürfnissen anzupassen», sagt Rüttimann. Dabei hätte sich immer wieder gezeigt, dass Sehbehinderte oder ältere Leute Mühe hätten, zu lesen, sie es jedoch als Steigerung ihrer Lebensqualität empfinden würden, wenn sie wieder besser oder länger lesen könnten.

Die Tischleuchte sei auch noch in einem weiteren Gebiet einsetzbar: In der Industrie. Etwa in der Optik, der Schmuck- und Uhrenindustrie oder im Labor. «Es ist erwiesen, dass Angestellte produktiver sind, wenn die Lichtverhältnisse gut sind», erklärt der 24-jährige, angehende Wirtschaftsingenieur.

Industrieprojekte verbessern Berufschancen

Auch für Lukas Schmid, Leiter des Bachelorsstudiengangs in Wirtschaftsingenieurwesen, war es eine positive Überraschung, dass gleich bei der ersten Durchführung des Moduls am Ende ein Produkt resultiert, das tatsächlich von einem Ostschweizer Unternehmen umgesetzt wird. Er betont jedoch, dass der Lerneffekt für die Studierenden im Zentrum stehe und dass es nicht das Ziel des Moduls sei, ein erfolgreiches Produkt zu entwickeln. «Das Modul ‹Industrieprojekt› ermöglicht es unseren Studierenden, während fünf Semestern in Gruppen einer realen Fragestellung nachzugehen und unterschiedliches aus den Vorlesungen in Form eines praktischen Projekts umzusetzen.»

Obwohl für die FHS St.Gallen der Erfolg der Projekte nicht im Vordergrund steht und auch nicht mitbewertet wird, sind die Erfolgsaussichten relevant: «Es ist schön für uns, dass dieses Modul ein wirtschaftstaugliches Produkt hervorgebracht hat. Dadurch erhoffen wir uns, dass auch andere regionale Unternehmen auf den Geschmack kommen und sich als Industriepartner am Modul beteiligen. Denn ohne regionale Unternehmen kann es nicht durchgeführt werden», sagt Schmid.

Produkt gehört der Firma

Die kreierten Produkte gehören nun den jeweiligen Industrierpartnern, die mit den Studierenden an den Projekten herumgetüftelt haben. «Das Modul verfolgt nicht den Zweck, dass die Studenten eine Idee für ein Start-up entwickeln, mit dem sie sich nach dem Bachelor selbständig machen können. Sie erarbeiten kostenlos ein Produkt, das ein Unternehmen weiter bringen soll. Im Gegenzug erklären sich die Firmen dazu bereit, die angehenden Wirtschaftsingenieure dabei zu unterstützen», erklärt Schmid.

Auch im Falle der individuell programmierbaren Tischleuchte gehören die Rechte am Produkt der Obivta. Vor Weihnachten wurde das Produkt an die Firma übergeben. Nun sei die Obvita gefordert, sagt deren Produktionsleiter Hans Haag: «Wir sind dabei, das Entwicklungsmuster der Studierenden weiterzuentwickeln und serientauglich zu machen. Dabei geht es auch darum, die Fertigungskosten für die Lampen zu optimieren und letzte Kleinigkeiten an der Statik zu verbessern». Haag hat die Gruppe während der vergangenen fünf Semester betreut. «Es war eine sehr lehrreich Zeit, auch für mich. Die Studierenden haben sehr gute Arbeit geleistet und es hat Freude gemacht,  zu sehen wie sie mit Herzblut bei der Arbeit sind.»

Leuchte kommt noch dieses Jahr auf den Markt

Die Obvita hat es sich zum Ziel gesetzt, bis im Sommer erste Prototypen herzustellen, um im Anschluss einen Feldtest durchführen zu können. Gegen Ende Jahr soll die Lampe auf den Markt kommen. Ob das Produkt ein Erfolg werden wird, darüber möchte Haag nicht spekulieren. «Wir glauben an das Produkt. Etwas Vergleichbares gibt es bis anhin nicht. Nun geht es aber darum, das Produkt gut zu platzieren und es richtig zu vermarkten.»

Für Sandro Rüttimann und seine Gruppenmitglieder ist die Arbeit an der individuell programmierbaren Tischleuchte nun beendet. Obwohl sie sich zweieinhalb Jahre mit der Entwicklung des Produktes beschäftigt hatten, fällt es ihnen nicht schwer, es nun aus den Händen zu geben. «Natürlich ist das Produkt zu einem Teil von uns geworden. Aber auf jeden von uns warten ab diesem Sommer, wenn das Studium endet, neue Lebensabschnitte. Was mir jedoch sehr fehlen wird, ist die Arbeit in der Gruppe, mit der Zeit sind wir richtig gute Freunde geworden.»

Stephanie Martina
veröffentlicht: 21. Februar 2017 05:33
aktualisiert: 21. Februar 2017 05:33