Goldacher Umweltskandal

«Unfassbar»: Bodensee-Trinkwasser mit verbotener Chemikalie verschmutzt

7. März 2022, 17:33 Uhr
Der WWF St.Gallen zeigt sich in einer Stellungnahme empört über den Umweltskandal in Goldach und auch über das Vorgehen der zuständigen Behörden. Vom australischen Verpackungskonzern Amcor Flexibles Rorschach AG in Goldach sind knapp drei Tonnen giftiger Löschschaum in den Bodensee geflossen. Erst durch die Einsicht in den Strafbefehl wurde der Fall publik.
Die seit längerem verbotene Chemikalie gelangte auch in den Bodensee und verunreinigte damit Trinkwasser.
© Tagblatt/Thi My Lien Nguyen
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Beim Aluriesen Amcor Flexibles Rorschach AG (Amcor), der auf Goldacher Boden eine Produktionsstätte betreibt, kam es im Dezember 2020 und im Januar 2021 zu zwei Gewässerverschmutzungen. Dabei gelangten 2760 Kilogramm Löschschaum in den Bodensee. In diesem Feuerlöschmittel ist die längst verbotene Chemikalie Perfluoroctansulfonsäure, kurz PFOS, enthalten. Diese ist giftig.

Schuldspruch – aber tiefe Busse

Nun wurde durch die Einsicht des «St.Galler Tagblatts» in den entsprechenden Strafbefehl der Fall publik. Die Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen hat das Unternehmen wegen Vergehens gegen das Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer und wegen Vergehens gegen das Gesetz über den Umweltschutz schuldig gesprochen. Der internationale Konzern muss eine Busse von 5000 Franken bezahlen. Dazu kommen 28’260 Franken Kosten für die eingesparte Entsorgung im Sinne einer Ersatzforderung, wie aus dem entsprechenden Strafbefehl hervorgeht. Dieser ist noch nicht rechtskräftig.

WWF St.Gallen: Diese Busse ist ein «Schnäppchen»

«Dass verbotene Substanzen (PFOS) verwendet werden und Amcor nicht aktiv über Havarien berichtete, ist unfassbar», lässt der WWF St.Gallen in einer Stellungnahme verlauten. «Es hängen über fünf Millionen Menschen für Trinkwasserzwecke am Seewasser – die Trinkwasserleitungen führen bis nach Stuttgart», schreibt Lukas Indermaur, Geschäftsleiter WWF St.Gallen, in seiner Stellungnahme.

Dass den Verantwortlichen die Menschen am Bodensee und deren Gesundheit nicht in den Sinn kommen, erstaune. «Es tut mir als ehemaliger Rorschacher sehr weh.» Der Bodensee sei ein sensibles Ökosystem mit reicher Artenvielfalt und er sei gemäss Wasserrahmenrichtlinie in einem guten ökologischen Zustand. Dieser sei nun angekratzt worden. Dem Grosskonzern täten insgesamt 34’000 Franken «Ablass» nicht weh – das sei sogar ein richtiges Schnäppchen. «Die Strafbestimmungen der Schweiz müssen revidiert werden, damit der Zwang zum sauberen Wirtschaften erhöht wird», so Indermaur.

Da der Bodensee ein internationales Gewässer sei, stelle sich die Frage, ob nicht auch Deutschland und Österreich Möglichkeiten zur Strafanzeige hätten, um höhere Beträge von Amcor zu fordern.

Schäden werden oft erst entdeckt, wenn Gift in der Nahrungskette angekommen ist

Wie so oft würden solche versteckten Schädigungen – wenn überhaupt – erst Jahre später entdeckt. Man sehe das bei anderen Beispielen, wo das Gift in den oberen Gliedern der Nahrungskette erst nach Jahren angereichert worden sei. Es wäre jetzt wichtig und nötig, dieses Monitoring von Mensch und Ökosystem auf Reste von Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) an die Hand zu nehmen, auch um eine Handhabe für Zivilklagen zu haben, so Indermaur. «Die internationale Gewässerschutzkommission des Bodensees ist das ideale Gremium, um das PFOS-Monitoring zu koordinieren», heisst es abschliessend in der Stellungnahme des WWF St.Gallen.

(red.)

Quelle: St.Galler Tagblatt/Christa Kamm-Sager
veröffentlicht: 7. März 2022 17:30
aktualisiert: 7. März 2022 17:33