Ostschweiz

Verein droht Auflösung, Events werden abgesagt – freiwillige Helfer werden rar

Lara Abderhalden, 13. September 2022, 07:49 Uhr
Dieses Jahr ist geprägt von diversen Anlässen. Das macht es umso schwieriger, Helferinnen und Helfer zu finden. Aber nicht nur Veranstalter in der Ostschweiz stossen an ihre Grenzen, auch Vereinen fällt es zunehmend schwer, Menschen für freiwillige Einsätze zu begeistern.
Bereits am Strassenfestival «Aufgetischt» in St.Gallen Mitte August fehlten vor dem Anlass helfende Hände.
© Michel Canonica / TAGBLATT
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«Es tut mir sehr weh.» Renate Rovedo fällt es nicht leicht, Worte für die aktuelle Situation zu finden. «Wir befassen uns mit dem Gedanken, dass es unseren Verein in absehbarer Zeit nicht mehr gibt.»

Die 70-Jährige ist eine von vier Personen im Vorstand des VGB Insieme Rorschach – dem Verein zugunsten von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Der Verein organisiert Kurse und Freizeitbeschäftigungen für Menschen mit einer Beeinträchtigung, darunter war immer auch der Martinimarkt in Rorschach im November. Beim Martinimarkt konnten jeweils Menschen mit einer Beeinträchtigung Selbstgemachtes präsentieren und verkaufen.

Helfer sind bereits an anderen Anlässen im Einsatz

Dieser ist nun aber Geschichte, berichtet das «St.Galler Tagblatt». «Wir haben den Martinimarkt beerdigt», sagt Rovedo und die Trauer darüber ist ihrer Stimme anzuhören. Das Problem des Vereins ist es, dass sie kaum freiwillige Helferinnen und Helfer finden. Weder für den Martinimarkt noch für die Kurse, die der Verein anbietet, noch für den Vorstand.

Beim Martinimarkt sei ein Grossteil der Helferinnen und Helfer ausgeblieben, weil sie bereits andere oder eigene Anlässe und Einsätze hatten. «Sie hatten keine Kapazität mehr. Die, die freiwillige Arbeit leisten, sind sowieso immer dieselben, schon überall dabei und haben dadurch noch weniger Zeit.» Ein zweiter Absagegrund seien gesundheitliche Probleme.

Renate Rovedo vom VGB Insieme Rorschach

© Tagblatt/Rita Bolt

Beim Verein komme hinzu, dass er aus rund 100 Mitgliedern mit Beeinträchtigung besteht, die selbst nicht gross mithelfen können. Deshalb war der Verein stets auf externe Helferinnen und Helfer angewiesen. «Wir sind im Moment vier Personen, die die ganze Vereinsarbeit stemmen. Ich bin selbst schon 70 Jahre alt und weiss wirklich nicht, wie lange es noch geht.»

«Im schlimmsten Fall sind wir nicht wirtschaftlich»

Probleme, freiwillige Helferinnen und Helfer zu finden, haben auch die Organisatoren der Strassenkunstfestivals «Buskers» in Chur und «Aufgetischt» in St.Gallen. Dem Aufgetischt in St.Gallen Mitte August fehlten rund eine Woche vor der Durchführung noch 100 Helferinnen und Helfer. «Das Problem war, dass zur selben Zeit noch weitere Veranstaltungen wie das Sur le Lac stattfanden», sagt Christoph Sprecher, Festivalleiter des «Aufgetischt» und «Buskers». Allein durch das Sur le Lac seien 20 bis 30 Personen nicht als Helfer dabei gewesen.

Christoph Sprecher, Festivalleitung «Aufgetischt» und «Buskers»

© Tagblatt/ Ralph Ribi

Schlussendlich wurde am «Aufgetischt» eine «solide» Zahl an Helfenden erreicht. Das nicht zuletzt aufgrund eines Helferaufrufs kurz vor dem Anlass. Diesen haben die Organisatoren der Strassenkunstfestivals nun auch für das Buskers am kommenden Wochenende gestartet. Denn auch dort fehlen noch mindestens 100 von 200 freiwilligen Helferinnen und Helfer. «Manchmal braucht es die Erkenntnis, dass Hilfe dringend benötigt wird, bis sich die Menschen für Einsätze melden», sagt Sprecher. Stattfinden werde das Festival so oder so.

Nicht weniger Freiwillige, sondern andere

Dafür, dass die Angebote in der Freiwilligenarbeit sichtbarer werden, setzt sich die Fachstelle für freiwilliges Engagement Benevol St.Gallen ein. Dort gibt es eine Vermittlungsplattform für Freiwilligenarbeit, wo Hilfesuchende ihren Aufruf für Helferinnen und Helfer publizieren können.

«Wir hören derzeit von verschiedenen Vereinen im Veranstaltungsbereich, dass sie Schwierigkeiten haben, Helferinnen und Helfer zu finden», sagt Ueli Rickenbach, stellvertretender Geschäftsführer von Benevol St.Gallen. Rickenbach vermutet, dass das auch mit der Flut an Veranstaltungen dieses Jahr zusammenhängt.

So hat die Bereitschaft im kurzfristigen Bereich eher zugenommen. «Niederschwellige Einsätze über kürzere, ausgewählte Zeiträume sind attraktiver geworden.» Dafür werde es nicht einfacher, Personen für Ehrenämter zu finden, die mit längerfristigen Einsätzen verbunden sind oder höhere Anforderungen verlangen.

Vereine sollen ihre Strukturen überdenken

«Wir raten den Vereinen auch, ihre Strukturen zu überdenken und allenfalls den Bedingungen anzupassen. Statt sich für Sitzungen im Restaurant Löwen zu treffen, können Sitzungen zum Beispiel auch online stattfinden.» Agiles Arbeiten könnte vermehrt in Vereinsstrukturen zum Einsatz kommen. So könnten neue Gruppen von Freiwilligen gewonnen werden oder Arbeiten neu verteilt werden.

Bei der Suche nach Freiwilligen für Anlässe sollte auch der höhere Sinn für den Einsatz spürbar sein. «Die Menschen wollen eine Sinnhaftigkeit hinter ihrer Arbeit sehen, diese sollen die Vereine bei der Suche vermitteln können», sagt Rickenbach.

Benevol versucht, auch dem VGB Insieme Rorschach mögliche Wege aufzuzeigen. «Wir haben schon Kontakt mit dem Vorstand aufgenommen und ihnen empfohlen, über verschiedene Netzwerke nach Freiwilligen zu suchen.» 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 13. September 2022 05:52
aktualisiert: 13. September 2022 07:49