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Tourismus

Trotz starken Sommers: Touristiker schauen ungewisser Zukunft entgegen

Dario Brazerol, 10. August 2020, 06:51 Uhr
Der Tourismus im FM1-Land lebt diesen Sommer von den einheimischen Urlaubern. Ob die starken Sommermonate sich langfristig positiv auf die Destinationen auswirken werden, wagen die Touristiker dennoch zu bezweifeln.
Ostschweizer und Bündner Tourismus-Regionen profitieren vom Corona-Sommer.
© Keystone

Diesen Sommer ist die Schweiz zu Gast im eigenen Land. Tourismusdestinationen in der Ostschweiz und Graubünden verzeichnen für die Monate Juli und August Buchungszahlen, welche zum Teil sogar über denen, des letzten Sommers liegen. Fraglich ist allerdings, ob es die Regionen schaffen, die Gäste langfristig an sich zu binden.

«Hoteliers reden vom besten Juli aller Zeiten»

«Der Anteil an ausländischen Touristen ist im Vergleich zu den Vorjahren um fast 15 Prozent zurückgegangen. Allerdings buchen die einheimischen Gäste in diesem Jahr fast doppelt so viele Übernachtungen», sagt Guido Buob, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus. Hoteliers würden den Vormonat bereits den besten Juli der Geschichte nennen.

Guido Buob, Geschäftsführer Appenzellerland Tourismus

© Tagblatt

Nun hofft man, dass die Buchungen auch bis in die Herbstsaison anhalten. Ob die Gäste auch im Winter oder im nächsten Jahr wieder ins Appenzellerland reisen werden, sei schwer zu sagen: «Urlauber wechseln ihre Ferienziele von Jahr zu Jahr. Die Kundenbindung als Massnahme liegt aktuell nicht in unseren finanziellen Möglichkeiten», sagt Buob. Man wolle allerdings versuchen, zur Wintersaison hin in neue Angebote zu investieren.

«Ergebnis dieser Art war nicht zu erwarten»

Auch der Kanton Graubünden – eigentlich eher als Destination für Winterferien bekannt – verzeichnet in diesem Sommer erfreuliche Zahlen: «Für die Monate Juli und August haben wir mehrheitlich Buchungsstände wie im letztjährigen Rekordsommer, in einigen Destinationen liegen sie sogar noch darüber», sagt Luzi Bürkli, Leiter der Unternehmenskommunikation von Graubünden Ferien. Ein Ergebnis dieser Art sei nach dem Lockdown nicht zu erwarten gewesen. Unterschiede bestünden allerdings bei städtischen oder stärker international ausgerichteten Orten.

Auch in Graubünden machen die einheimischen Touristen den grössten Teil der Gäste aus – was allerdings nichts Neues für den Kanton ist. Schon 2019 machten Inlandreisende rund 60 Prozent der Logiernächte aus. «Der Schweizer Gästeanteil ist in diesem Sommer aber noch deutlich höher. Unter anderem ist der Anteil der Romands in diesem Jahr auffallend grösser, was uns natürlich sehr freut», sagt Bürkli. Auch wenn die Gästezahlen erfreulich sind: Das grosse Geld wartet auf den Kanton allerdings erst in den Wintermonaten: «Das Verhältnis der Wertschöpfung im Vergleich von Sommer zu Winter liegt bei 30 zu 70.»

«Businesshotels sind nicht auf der Sonnenseite»

Für den Kanton Thurgau hat der Tourismus-Sommer 2020 zwei Seiten, sagt Rolf Müller, Geschäftsführer von Thurgau Tourismus: «Es gibt im Kanton ein wahnsinniges Gefälle. Angebote in Seelage profitieren extrem und sind zum Teil besser unterwegs als im letzten Jahr. Nicht gerade auf der Sonnenseite sind hingegen sind die Businesshotels.» Ebendiese machen im Thurgau als Seminar- und Kongress-Kanton sehr viele Häuser aus.

Rolf Müller, Geschäftsführer Thurgau Tourismus

© Tagblatt

Deshalb sei es das Ziel, den Thurgau bis im Herbst als Familiendestination bekannter zu machen. «Wir nutzen diesen Sommer als Chance, um uns als Ferienregion besser zu positionieren. Das ist eine grosse Herausforderung für unsere Gastgeber. Aber wir möchten erreichen, dass Urlauber unabhängig von Corona und vom Seminargeschäft im Thurgau Ferien machen wollen», sagt Müller.

«Einige haben schon wieder gebucht»

In der Ferienregion Toggenburg sind die Gäste-Zahlen des Julis noch nicht bekannt. Aber: «Man sieht, dass viele Leute unterwegs sind. Ich habe immer gesagt, dass dieser Sommer eine Chance wird», sagt Christian Gressbach, Geschäftsführer von Toggenburg Tourismus. Mit den Sommermonaten werde man die gästefreien Frühlingsmonate jedoch nicht ganz kompensieren können. «Aus finanzieller Sicht ist dieser Sommer aber sicher mehr als nur ein Tropfen auf dem heissen Stein», sagt Gressbach.

Christian Gressbach, Geschäftsführer Toggenburg Tourismus

© Tagblatt

Für das Toggenburg scheint sich der Corona-Sommer auch für die kommende Saison bezahlt zu machen. «Einige Gäste haben nach ihrem Besuch gleich wieder gebucht. Wir konnten diesen Sommer neue Stammkundschaft gewinnen, weil wir die Gäste überrascht haben», sagt Gressbach. Trotzdem: Auch die Region Toggenburg rechnet mit einem Minusgeschäft bis Ende Jahr.

«Haben das Fallbeil im Rücken»

Auch wenn die Tourismus-Regionen mit dem Sommer zufrieden sind: Sie wissen, dass sich die Situation schnell wieder ändern könnte: «Wir haben das Fallbeil im Rücken. Eine allgemeine Maskenpflicht würde die Reiselust sicher wieder hemmen. Sollte das Virus an einem spezifischen Ort in der Region ausbrechen, wäre dies ebenfalls keine gute Werbung für uns», sagt Guido Buob von Appenzellerland Tourismus.

Das Coronavirus bestimmt nach wie vor die Art und Weise, wie Ferien gestaltet werden können. Für die Tourismus-Regionen könnte der Sommer 2020 eine Chance auf neue heimische Stammkundschaft sein. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Chance genutzt wird.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 10. August 2020 06:51
aktualisiert: 10. August 2020 06:51