Verwirrung am HB St.Gallen: «Achtung, Zug!»

Fabienne Engbers, 12. Dezember 2016, 20:52 Uhr
Die Rathausunterführung ist seit Sonntag geschlossen, am Montagmorgen bekamen das die ersten Pendler zu spüren. Einige waren vorbereitet und gingen schnurstracks in ihre Richtung, andere stolperten unbeholfen aus der Unterführung und mussten sich erst einmal neu orientieren.

Es ist Montag, die Woche beginnt und man geht wieder arbeiten. Mit noch halb geschlossenen Augen steigen die meisten Pendler am St.Galler Bahnhof aus ihrem Zug und wollen den gewohnten Weg zum Büro nehmen. Doch heute wird der Mehrheit von ihnen am Ende des Perrons der Weg von einer weissen Wand versperrt. Eine Dame mit einer gelben Weste weist sie darauf hin, dass die Rathausunterführung seit Sonntag geschlossen ist. So kehren die Halbschlafenden um und trotten in die andere Richtung, den grossen Massen nach, die sich auf die Sperrung der Unterführung vorbereitet haben.

Es gibt mehrere Sorten Pendler

Diejenigen, die vorbereitet sind, nehmen die Unterführungssperrung gelassen. «Das ist ja keine Sache, man hat das ja gewusst», sagt eine ältere Dame. Man müsse einfach einige Minuten mehr einrechnen. Andere rennen aber durch den Bahnhof, als ginge es um Leben und Tod. Sie müssen wegen der Sperrung einen Umweg machen und verpassen deshalb ihren Anschlusszug, wenn sie nicht einen Sprint hinlegen. Die Halbschlafenden nehmen's gemütlicher. Sie stolpern gemächlich die Treppe hoch. Der Bus fährt ja auch in zehn Minuten nochmals. Andere sind völlig verloren und ahnungslos. Eine Frau sagt: «Ich bin nicht so oft mit dem Zug unterwegs und habe gerade keine Ahnung, wo ich bin. Ich muss mich erstmal neu orientieren.»

Die Trogener Bahn ist zurück

In den letzten Monaten hielt die Trogener Bahn beim Restaurant Dufour, am anderen Ende des Bahnhofs. Nun ist sie wieder an ihren angestammten Platz im Appenzeller Bahnhof heimgekehrt. Die Appenzeller Pendler freut's, die Halbschlafenden werden jedoch aus ihrer friedlichen Traum-Atmosphäre geholt, wenn eine Angestellte der Appenzeller Bahnen laut ruft: «Achtung, Zug!» und die Passanten davon abhält, dem Trogener Bähnli vor die Räder zu laufen. «Es ist schon eine Umgewöhnung und an einem Montagmorgen fällt das dem Einen oder Anderen nicht ganz so leicht», lacht die Angestellte und springt schnell davon, denn schon naht der nächste Zug. Sie wird am Abend heiser sein.

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Die Bahnhof-Baustelle hat eine neue Attraktion

Dass am Bahnhof St.Gallen Baustellenlärm herrscht, daran haben sich die Pendler gewöhnt. Dass man jetzt aber sein Gipfeli beim Kiosk Rhyner kauft und daneben die grosse Empfangshalle mit dem Bagger klein gestampft wird, das ist neu. Ohne Wenn und Aber haut der Bagger auf die Glaskuppel ein. Innert weniger Tage wird der Ort, wo man sich einst zum Ausgehen oder für den Wochenendausflug besammelt hat, dem Erdboden gleich gemacht. «Krass», hört man vorbeigehende Passanten sagen. Viele bleiben stehen und schauen dem Bagger bei der Arbeit zu.

Ein Jahr lang müssen Pendler ausharren

Ein Jahr lang bleibt die Unterführung beim Rathaus geschlossen. «Dafür haben wir nachher wieder etwas Schönes», sagt eine Dame. Und trotzdem. Die Menschenmassen müssen jetzt am Morgen alle durch eine einzige Unterführung, es staut bei allen Treppen und vor der Trogener Bahn. Viele müssen auf ihren Bus rennen, weil sie einen längeren Weg haben. Das ist der Preis, den die Pendler für den neuen Bahnhof bezahlen.

Fabienne Engbers
veröffentlicht: 12. Dezember 2016 12:16
aktualisiert: 12. Dezember 2016 20:52