Zebrastreifen aufgehoben: Schulen hässig

Vanessa Kobelt, 8. Juni 2018, 10:43 Uhr
(Bild: TVO)
(Bild: TVO)
Auf der stark befahrenen Staatsstrasse zwischen Rebstein und Marbach sind vier Fussgängerstreifen entfernt worden. Der Kanton stufte sie als zu gefährlich ein. Leidtragende sind vor allem die Schüler.

Die Pausenglocke läutet. Es ist 12 Uhr mittags und die Schüler machen sich für den Zmittag in Richtung Heimweg. In Rebstein und Marbach müssen viele Schüler dafür die Staatsstrasse überqueren, auf welcher zu dieser Zeit viele Autos unterwegs sind. Wie immer warteten die Kinder am Fussgängerstreifen. Jetzt ist aber plötzlich keiner mehr da und niemand wurde darüber informiert.

Schüler sind verwirrt

Aus Sicherheitsgründen hat der Kanton St.Gallen insgesamt vier Fussgängerstreifen auf der Staatsstrasse zwischen Rebstein und Marbach entfernen lassen. «Zum Teil warten die Schüler immer noch dort, wo mal ein Fussgängerstreifen war», sagt der Marbacher Gemeindepräsident Alexander Breu. «Manchmal halten die Autos dann sogar an. Die Streifen sind zwar nicht mehr gelb, man sieht aber, wo sie mal waren.» Laut der Gemeinde Marbach ist die Situation gefährlich und das Unverständnis in der Bevölkerung gross.

Die aufgehobenen Fussgängerstreifen sind noch knapp sichtbar.
Die aufgehobenen Fussgängerstreifen sind noch knapp sichtbar.
© Die aufgehobenen Fussgängerstreifen sind noch knapp sichtbar. (Bild: TVO/Thomas Bartlome)

Massnahmen dienen der Sicherheit

Die Kantonspolizei St.Gallen überprüft einheitlich im ganzen Kanton die Fussgängerstreifen. Ist ein Streifen zu wenig sicher, erfüllt er seinen Zweck nicht oder wird er nicht benutzt, hebt der Kanton den Streifen auf oder versetzt ihn. «Grundsätzlich gilt, lieber kein Fussgängerstreifen, als einer der nicht sicher ist», sagt Florian Schneider von der Kantonspolizei St.Gallen.

In Marbach und Rebstein sind drei Streifen aufgehoben worden. Ein weiterer Streifen in Rebstein ist zwar zurzeit nicht mehr vorhanden, wird aber möglicherweise ersetzt.  Laut dem Kanton dienen auch die Massnahmen in diesen beiden Gemeinden der Sicherheit. «Ein Fussgängerstreifen bedeutet immer das Vortrittsrecht für den Fussgänger. Dieses bringt in manchen Situationen auch Gefahren mit sich», sagt Schneider.

Der Beitrag von TVO:

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«Marbach ist jetzt gefährlicher»

Was die Situation in Marbach betrifft, sieht es Gemeindepräsident Axander Breu anders als der Kanton. «Wir können es natürlich nicht mit der gleichen Fachkompetenz beurteilen. Unserer Ansicht nach ist es in Marbach mit den fehlenden Streifen aber gefährlicher geworden.»

Dass die Fussgänger jetzt zum Teil ein grosses Stück bis zum nächsten Streifen laufen müssen und die Strasse vielleicht einfach ohne Fussgängerstreifen überqueren, sei nur ein Teil des Problems. Viel grösser sei das Problem, dass der Kanton die Gemeinden nicht über den Zeitpunkt informiert hat. «Hätten wir Bescheid gewusst, so hätten wir auch die Schulen informieren können. Dann wäre die Situation wohl nicht entstanden, dass Schüler an der Strasse ohne Fussgängerstreifen warten.»

Eltern sind besorgt

Der gleichen Meinung ist auch Roland Schönauer, Primarschulpräsident von Rebstein. Er musste so manches Telefon von besorgten Eltern entgegennehmen. «Plötzlich waren in Rebstein zwei Fussgängerstreifen weg, ohne dass wir Bescheid wussten. Wir konnten weder die Schüler noch die Eltern darüber informieren, dass sich der Heimweg der Kinder ändert. Das ist eine sehr unglückliche und auch gefährliche Situation.»

Kinder gehen immer noch über die entfernten Fussgängerstreifen - auch die Autofahrer halten sich mehrheitlich daran. (Bild/TVO Thomas Bartlome)
Kinder gehen immer noch über die entfernten Fussgängerstreifen - auch die Autofahrer halten sich mehrheitlich daran. (Bild/TVO Thomas Bartlome)

Vom Kanton übergangen

Bei einem der Streifen kann es Roland Schönauer auch gar nicht nachvollziehen, dass er entfernt wurde. «Es ist ein Fussgängerstreifen direkt bei einer Bushaltestelle, dort hat es viele Schüler, welche die Hauptstrasse überqueren. Ich finde die neue Situation einfach schlecht.» Als Schule fühle man sich von den Entscheiden ausgeschlossen. «Es ist einfach schade, dass man nicht besser miteinander kommunizieren kann. Wir fühlen uns vom Kanton übergangen. »

Lässt kein gutes Haar am Sicherheitskonzept der Kantonspolizei St.Gallen: Roland Schönauer, Schulratspräsident Rebstein. (Bild: TVO/Thomas Bartlome)
Lässt kein gutes Haar am Sicherheitskonzept der Kantonspolizei St.Gallen: Roland Schönauer, Schulratspräsident Rebstein. (Bild: TVO/Thomas Bartlome)

Fehler in der Kommunikation

Auch Florian Schneider von der Kantonspolizei St.Gallen räumt Fehler in der Kommunikation ein, diese betreffen aber das Tiefbauamt St.Gallen. «Auch uns ist zu Ohren gekommen, dass die Gemeinden und somit auch die Schulen nicht über den Zeitpunkt informiert wurden, wann diese Streifen entfernt werden. Die Polizei hat darauf aber keinen Einfluss.» Da die Überprüfungen der Fussgängerstreifen im Kanton St.Gallen noch nicht abgeschlossen sind, will man in Sachen Kommunikation nochmals über die Bücher, so dass andere Gemeinden vielleicht früher über den Zeitpunkt infomiert werden. «Die ganze Sache ist meist recht emotional, wir haben deshalb auch schon entsprechende Gespräche aufgenommen.»

Strasse ohne Streifen überqueren

Wichtig ist laut Florian Schneider jetzt, dass die Eltern mit ihren Kindern die neuen Schulwege nochmals ablaufen. «Ein Fussgängerstreifen ist gelb und entsprechend markiert. Ist dies nicht mehr der Fall, hat der Fussgänger auch keinen Vortritt und ein Auto muss nicht halten.» Die Eltern könnten den Kindern auch erklären, wie man eine Strasse ohne Fussgängerstreifen überquert. «Laut Strassenverkehrsgesetzt darf man eine Strasse ohne Fussgängerstreifen überqueren, wenn sich innerhalb von 50 Metern keiner befindet.»

Florian Schneider von der Kantonspolizei St.Gallen verspricht Besserung in der Kommunikation (Bild: TVO/Thomas Bartlome)
Florian Schneider von der Kantonspolizei St.Gallen verspricht Besserung in der Kommunikation (Bild: TVO/Thomas Bartlome)

Viele Beschwerden eingegangen

Da sich der Kanton noch mitten in der Überprüfung befindet, ist noch nicht bekannt, wie viele Fussgängerstreifen insgesamt im Kanton St.Gallen aufgehoben oder versetzt werden. Gut möglich, dass sich auch in anderen Gemeinde die Leute an neue Situationen gewöhnen müssen. In der Gemeinde Marbach stossen die Massnahmen nicht nur bei Eltern auf wenig Verstädnis. «Es sind mittlerweile schon viele Beschwerden aus der Bevölkerung eingegangen», bestätigt Axander Breu. «Die Leute beschweren sich per Telefon und auch per Mail und sind unglücklich mit der Situation.»

Fehlender Streifen ist schlecht fürs Geschäft

Auch in Rebstein sind nicht nur die Eltern von Schülern unzufrieden mit dem Entscheid. Özcan Dolanbay ist Geschäftsführer der Pizzeria «Punto Verde» und direkt vor seinem Restaurant ist ein Fussgängerstreifen verschwunden. «Es haben sich schon einige Gäste bei uns beklagt», sagt Dolanbay. «Wenn sie geparkt haben, können sie nicht mehr einfach die Strasse überqueren, sondern müssen bis zum nächsten Fussgängerstreifen laufen. Das ist nicht gut fürs Geschäft».

Aber auch privat macht Özcan Dolanbay der fehlende Streifen zu schaffen. Er wohnt mit seiner Familie im gleichen Haus, wo auch die Pizzeria drin ist. «Meine Kinder müssen ebenfalls über die Strasse, um in dern Kindergarten oder in die Schule zu gehen. Ich finde die Situation gefährlich.»

Fussgängerstreifen könnten zurückkommen

Florian Schneider von der Kantonspolizei St.Gallen kann die Situation beruhigen, denn laut ihm ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. «Wie gesagt, einer der Streifen in Rebstein kommt möglicherweise zurück, einfach an einer etwas sicherern Stelle.» Aber auch bei den Fussgängerstreifen, die offiziell entfernt wurden, gibt es noch ein Fünkchen Hoffnung. «Es kann sein, dass ein Fussgängerstreifen wieder zurückkommt. Ist es beispielsweise den Schulen ein grosses Anliegen, kann die Situation allenfalls nochmals überprüft werden.»

Vanessa Kobelt
Quelle: kov
veröffentlicht: 8. Juni 2018 05:43
aktualisiert: 8. Juni 2018 10:43