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20 Jahre nach Zuger Attentat

«Aus dem Nichts ging es los» – ein Tag des Schreckens und der Dankbarkeit

Tobias Hotz, 27. September 2021, 11:22 Uhr
Am Montag jährt sich das Attentat im Zuger Regierungsgebäude zum zwanzigsten Mal. Der damalige FDP-Kantonsparlamentarier Andreas Hotz hat die Horrortat damals körperlich unverletzt überstanden. Er spricht über die zweieinhalb schlimmsten Minuten seines Lebens.
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Quelle: PilatusToday

«Ich bin kein sehr gläubiger Mensch, aber ich habe wirklich gebetet. Gebetet, dass es endlich vorbei ist», sagt Andreas Hotz über die schlimmsten zweieinhalb Minuten seines Lebens. Der ehemalige FDP-Kantonsparlamentarier versteckt seine Emotionen nicht. Die Brutalität der Tat und der Verlust von sehr engen Freunden lassen auch zwanzig Jahre später seine Stimme erzittern.

Am 27. September 2001 betritt ein Mann schwer bewaffnet und in einer gefälschten Polizeiuniform das Zuger Regierungsgebäude. Innerhalb von zwei Minuten und 34 Sekunden erschiesst er 14 Politikerinnen und Politiker. 18 Personen verletzte er zum Teil schwer. Es war der erste Anschlag dieser Art in der Schweiz. Der Attentäter war in einem ständigen Konflikt mit der Polizei und den Behörden (siehe Infobox unten).

Der 27. September 2001 war ein sehr sonniger Herbsttag. Ideal für den am Nachmittag auf dem Programm stehenden Parlamentsausflug. Zu diesem wird es jedoch nie kommen. Um 10.32 Uhr fiel der erste Schuss. «Völlig überraschend, aus dem Nichts ging es los», beschreibt Hotz den Beginn der Horrortat. Der damals 42-Jährige suchte reflexartig Deckung. In den zweieinhalb Minuten gab der Attentäter 91 Schüsse ab. «Es war eine unendlich lange Zeit. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, wie kurz die Zeit tatsächlich war.»

Am Tag nach dem Attentat trauert Andreas Hotz mit seiner Frau vor dem Zuger Regierungsgebäude.

© Keystone / Jens Meyer

Es sei kaum festzustellen gewesen, wann tatsächlich der letzte Schuss gefallen war, da es zwischen den Schüssen immer wieder Unterbrüche gab. «Ich habe meine Frau angerufen und ihr gesagt, dass etwas Schreckliches geschehen sei, es mir aber gut gehe.» Danach sei er noch gut eine Stunde im Saal gewesen und habe versucht, den Verwundeten zu helfen. Es sind diese Bilder, die den zweifachen Familienvater bis heute begleiten. «Was für mich wirklich sehr schwierig war, dass ich einen toten Fraktionskollegen friedlich am Boden liegen sah und im selben Moment einen Anruf seiner Familie erhielt.»

Froh über die Ausgestaltung des Stimmcouverts debattieren zu dürfen

Die Zeit nach dem Attentat war intensiv. Der Besuch von Beerdigungen gehörte zur Tagesordnung. Das Abschiednehmen von geschätzten Kolleginnen und Kollegen und die Neuorganisation der Fraktion standen im Fokus. Nicht die Frage nach dem Warum: «Dieser Mensch war derart fehlgeleitet. Wieso und warum möchte ich gar nicht wissen», sagt Hotz über den Attentäter, dessen Namen er sein Leben lang nie in den Mund nehmen will, wie er sagt.

Nur zwei Monate nach dem Attentat traf sich das Zuger Kantonsparlament zur ersten Sitzung. «Der Saal war mir zu eng», sagt Hotz über den Saal bei der Zuger Polizei.

© Keystone / Sigi Tischler

Zwei Monate nach der Tat traf sich das Zuger Kantonsparlament in einem Saal der Zuger Polizei zur ersten Sitzung. «Es war schön, dass wir wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren durften.» Zu dieser Normalität gehörte die Debatte über die Neugestaltung der Stimmcouverts oder die Frage, ob Zug eine Fachstelle für Kinder- und Jugendschutzfragen braucht. Freiwillige Rücktritte direkt nach dem Attentat gab es keine. «Für alle war klar: Wir wollen nicht einem einzelnen Subjekt die Chance geben, den politischen Prozess lahmzulegen.» Aus dem damaligen Kantonsparlament entwuchsen zahlreiche politische Karrieren. «Das hat sicherlich auch mit der Grösse des Kantons Zug zu tun», erklärt Hotz, der selbst noch zwölf Jahre als Gemeindepräsident von Baar waltete. Vor allem habe es aber damit zu tun, dass man nach einer solchen Erfahrung sagt: «Das kann es nicht sein, dass wir unsere demokratischen Prinzipien erschüttern lassen.»

Dankbarkeit für die kleinen Dinge im Leben

Für Andreas Hotz war bereits vor dem schrecklichen Ereignis klar, dass er einen Teil seines Lebens in der Politik verbringen will. Der 27. September 2001 ist ein Tag, der eine heute manchmal schmerzende seelische Narbe hinterliess. 20 Jahre nach dem Attentat löst der Blick zurück eine grosse Dankbarkeit darüber aus, noch immer im Kreise seiner Familie sein zu dürfen. Ein gutes Glas Wein, gesellige Stunden mit seinen Freunden oder ein Tag auf der Skipiste sind Momente, die der selbstständige Rechtsanwalt heute noch mehr zu schätzen weiss. Auch die Erkenntnis, dass «nichts im Leben selbstverständlich ist und dass man das Leben geniessen muss, wenn man es geniessen kann und gleichzeitig Rücksicht zu nehmen auf unsere Mitmenschen und diese dort zu unterstützen, wo es irgendwie möglich ist», begleitet Hotz bis heute.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 23. September 2021 13:48
aktualisiert: 27. September 2021 11:22